Auch die Geisteswissenschaften können die Klima-Debatte bereichern

Ein Kulturwissenschaftler schreibt über die Klimaerwärmung. Wie kommt ein Fachfremder dazu, sich eines so komplexen Themas anzunehmen? Im Interview erklärt Boris Previšić sein Verständnis der modernen Wissenschaften – und welche Ähnlichkeiten die globale Erwärmung mit der Coronakrise aufweist.

20. Aug 2020 · Martina Burger

Dieser Artikel ist am 9. Juli 2020 im Magazin higgs erschienen.

Bücher über den Klimawandel gibt es wie Sand am Meer, oft sind deren Autoren selbst Klimatologinnen oder Umweltwissenschaftler. Nun gesellt sich ein weiteres Exemplar dazu: «CO2: Fünf nach zwölf – Wie wir den Klimakollaps verhindern können» von Boris Previšić.

Doch so ganz lässt sich sein Buch nicht in diese lange Reihe der Klimaliteratur einordnen, denn der Autor selbst ist weder Atmosphären- noch Umweltwissenschaftler. Nein, er, der seiner Leserschaft näherbringen will, mit welchen Methoden man den steigenden Temperaturen Einhalt gebieten kann, ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. In seinem rund 150-seitigen Werk hält er die Hintergründe der aktuellen Lage fest, beschreibt den Status quo der Klimapolitik und geht auf soziale Ungerechtigkeiten ein. Dabei belässt er es jedoch nicht. Er stellt auch konkrete Lösungsansätze zur Kohlenstoffrückbindung vor, also der möglichst dauerhaften Einlagerung von CO2 aus der Atmosphäre in verschiedene Speicher. Im Interview erklärt der Wissenschaftler, wie er dazu kam, ein Buch über den Klimawandel zu schreiben.

Herr Previšić, warum schreiben Sie als Klima-Laie ein Buch über den Klimawandel?

Mir ist auf einmal aufgefallen, dass ich immer nur darüber forsche, was Aufklärung ist und wie Aufklärung sein sollte, selbst aber im Grunde genommen keine Aufklärung betreibe. Das wollte ich ändern. Ausserdem ist es erstaunlich, wie Klimawissenschaftler im Diskurs über die Klimaerwärmung meist allein auf weiter Flur stehen. Es handelt sich um ein sehr spezialisiertes Wissenschaftsfeld, was eine Gesamtsicht oft verhindert. Gerade als Kulturwissenschaftler ist es meine Aufgabe, zu sagen: Da drückt der Schuh am meisten, an dieser Stelle müssen wir weiterdenken.

Wie kamen sie auf die Idee, das Buch zu schreiben?

Der Grund liegt in der Betroffenheit, die ich empfunden habe, als ich mir ernsthaft die Frage stellte: Wo stehen denn eigentlich meine Kinder, wenn sie so alt sind wie ich jetzt? Sie werden mit Lebens- und Überlebensbedingungen zu kämpfen haben, die wir uns heute kaum vorstellen können. Gegenwärtig richten wir es uns weiterhin gemütlich in der Stube ein und merken nicht, wie schon seit geraumer Zeit draussen der Sturm tobt, dem die Biosphäre schon voll ausgesetzt ist. Dieser Sturm ist kein Naturereignis, sondern ein vom Menschen angestossener Prozess. Selbst in der Stube wird es bald sehr ungemütlich.

Was können Geistes- und Sozialwissenschaften in der Klima-Debatte leisten?

Wir als Geisteswissenschaftler müssen übersetzen und kontextualisieren – historisch, politisch, kulturell. Es ist nicht unbedingt die Aufgabe der Naturwissenschaftler, neue Erzählmuster, sogenannte Narrative, zu schaffen. Die neuen Erzählungen müssen wir Geisteswissenschaftler kreieren, im Verbund mit Sozialwissenschaftlern, welche die Zusammenhänge zur Gesellschaft analysieren.

Welche Rolle spielen dabei Kunst und Literatur?

Kunst und Literatur vermitteln. Inzwischen gibt es eine reiche Literatur, die sich mit der Klimaerwärmung und ihren Folgen auseinandersetzt. Eine breite Romanproduktion sorgt für neue Erzählungen, die nicht nur in die Zukunft greifen, sondern auch heutige Wirkungen beschreiben, gerade in Gebieten, wo sich der Klimawandel in aller Deutlichkeit zeigt. Da, wo es Überschwemmungen gibt oder wo die Wüste unaufhaltsam fortschreitet, beispielsweise. Die Literatur legt einerseits Zeugnis über die herrschenden Zustände ab. Andererseits eröffnet sie neue Perspektiven. Es stellt sich die Frage, ob wir eine neue Gesellschaftsform etablieren müssen, um der Klimaänderungen noch adäquat begegnen zu können. Damit man sich solche Szenarien vorstellen kann, müssen wir Modelle entwickeln, die umsetzbar sind. Dazu eignen sich Kunst und Literatur, die immer schon vorausgedacht und die Vorstellungskraft der Menschen befeuert haben.

Fühlten Sie sich als Fachfremder bei Ihrer Recherche nicht wie ein Fisch auf dem Trockenen?

Ich habe auf einmal IPCC-Berichte gelesen und Forschung zum Kohlenstoffkreislauf und zum Methanausstoss beim Fracking oder über die Albedo von Wolken in 10 000 Metern Höhe. Das war für mich vom naturwissenschaftlichen Hintergrund zu Beginn nicht ganz einfach, aber da ich ja mit anderen schwierigen Textsorten tagtäglich zu tun habe, bin ich mit der Zeit auch reingekommen. Ich kann es jedem empfehlen, sich in die klimawissenschaftliche Primärforschung einzulesen. Da merkt man halt auch, dass nicht alles in die IPCC-Berichte einfliesst, weil diese auch politisch abgesegnet werden müssen.

Es wissen ja mittlerweile alle, dass der Klimawandel stattfindet. Bringt da Sensibilisierung überhaupt noch etwas?

Corona hat uns da vielleicht etwas gelehrt: Auch ich war am Anfang dieser Pandemie so naiv und habe geglaubt, das betrifft uns nicht. Da hat alle Sensibilisierung durch Medien und Behörden noch nichts genützt. Sensibilisierung hat immer damit zu tun, dass man an die Eigenverantwortung appelliert. Sie ist aller Dinge Anfang, reicht jedoch allein nicht aus. In der Covid-19-Krise hat man rasch zum Teil drakonische Massnahmen ergriffen, um die Bevölkerung zu schützen. Doch wir sehen inzwischen auf globaler Ebene, wie massiv die ökonomischen Auswirkungen sind. Im Gegensatz dazu gibt es in Bezug auf die Klimaerwärmung auch ökonomisch nachhaltige Konzepte. Mechanismen wie den europäischen CO2-Zertifikathandel, der die CO2-Rückbindung beschleunigen kann. Deshalb ist klar, dass hier alle Staaten, die gesamte Weltgemeinschaft, eingreifen müssen.

Wie kommt es, dass die Gesellschaft bei dieser Herausforderung so träge ist?

Der Klimawandel ist für die Menschheit, ja für alle Lebewesen, etwas völlig Neues. Das hat mit der unsäglichen Geschwindigkeit zu tun, mit der dieser Prozess abläuft. Das letzte Massenaussterben war so massiv, dass über 95 Prozent der Arten ausgestorben sind. Aber damals hat sich dieser Prozess – es war auch eine Klimaerwärmung – über 170 000 Jahre erstreckt und war somit um den Faktor 1000 langsamer als das, was wir Menschen losgetreten haben.

Denken Sie, es ist im kapitalistischen Wirtschaftssystem überhaupt machbar, den CO2-Ausstoss rechtzeitig in den Griff zu bekommen?

Das Klimaproblem ist so massiv und so drängend, dass wir für einen langsamen Systemwandel gar keine Zeit mehr haben. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass die aktuelle Politik das Steuer herumzureissen hat. Das ist auch in einem kapitalistischen System möglich. Analysierte man sämtliche Kosten, die eine Tonne CO2 beim Ausstoss verursacht und rechnete diese in den Preis mit ein – ähnlich, wie man beim Erwerb eines Kühlschranks bereits dessen Entsorgung bezahlen muss –, dann könnte sich niemand mehr fossile Energieträger leisten. Ich glaube also nicht, dass es sich primär um eine Systemfrage handelt, sondern darum, wie viel Entscheidungskompetenz man dem Staat und der internationalen Gemeinschaft überträgt.

Sehen Sie eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftlern, um politische Entscheidungsträger umzustimmen?

Eine solche Zusammenarbeit ist unbedingt notwendig. Es kann nicht sein, dass man sich weiterhin an einem Wissenschaftsverständnis des 19. und 20. Jahrhunderts ausrichtet, sich in die Disziplinen absondert und nur dann stolz auf die eigene Wissenschaft ist, wenn man selbst das richtige Modell für den Zeitpunkt des Weltuntergangs erarbeitet hat. Es geht nicht mehr darum, dass wir uns disziplinär ausdifferenzieren und separieren. Im 21. Jahrhundert geht es vielmehr darum, miteinander in den Austausch zu kommen. Um zum Beispiel die Anwendung von Pflanzenkohle zur CO2-Rückbindung in hochskalierter Form umzusetzen, sitzen Klimawissenschaftlerinnen, Ökonomen, Forstwirtschaftlerinnen, Landwirte, Biologinnen, Programmierer, Kulturwissenschaftlerinnen zusammen und vereinen nicht nur verschiedene wissenschaftliche Felder, sondern auch Theorie und Praxis. Genau daran arbeiten wir am Institut «Kulturen der Alpen».

Der Titel Ihres Buchs lautet «CO2: Fünf nach zwölf». Ist es also bereits zu spät, um noch zu reagieren?

Ich möchte noch einmal die Parallelen zur jetzigen Coronakrise unterstreichen. Diese wird uns wirtschaftlich massive Bauchschmerzen bereiten. Wir sehen, dass vor allem diejenigen Staaten Schaden erlitten haben, die den Ernst der Lager verkannt und zu spät reagiert haben. Diejenigen Staaten, die flexibel und möglichst nah an wissenschaftlichen Erkenntnissen gehandelt haben, trugen einen viel kleineren Schaden davon. Die Klimaerwärmung ist nicht einfach nur eine Krise, sondern ein geohistorischer Prozess, den wir durch die Industrialisierung angestossen haben. Die Menschheit, die Natur, die gesamte Biosphäre steht auf dem Spiel. Aber wir können noch heute darauf reagieren. Und je gezielter man Massnahmen ergreift, desto kleiner wird der Schaden sein.

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Autor*Innen

Martina Burger studierte im Bachelor Geowissenschaften an der Universität Basel und begibt sich nun für das Studium der Klimawissenschaften in die Bundesstadt. Sie interessiert sich besonders dafür, wie man Umweltthemen einem breiten Publikum schmackhaft machen kann.

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