Genetisch veränderte Babys: alle müssen mitdiskutieren

Die mutmasslich genetisch veränderten Zwillinge aus China rücken die ethischen Herausforderungen der Gentechnologie ins Rampenlicht. Diese ethischen Fragestellungen sollten gesamtgesellschaftlich diskutiert werden, ohne ins Schwarz-Weiss-Denken zu verfallen.

1. Dez 2018 · Bettina Zimmermann

Andrea Büchler, die Präsidentin der nationalen Ethikkommission, forderte jüngst in einem Gastkommentar in der NZZ, das Thema der genetischen Veränderung in die menschliche Keimbahn nicht nur unter Fachleuten, sondern in einer breiten öffentlichen und politischen Debatte zu diskutieren. Notabene veröffentlichte sie diese Forderung am 23. November, drei Tage vor den Gerüchten über die Geburt von genetisch veränderten Zwillingen in China.

Im Juni 2018, an der Jahreskonferenz der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik in Mailand, wurde in den Fachdiskussionen dieselbe Forderung laut: die ethisch brisanten wissenschaftlichen Entwicklungen der Humangenetik sollen mit der Öffentlichkeit besprochen werden. Dies sei wichtig, jedoch schwierig. Es wurde unterstrichen, dass jede Gesellschaft anders ticke und nationale Debatten Grundlage für einen internationalen Diskurs seien.

Genetische Veränderungen machen vor Landesgrenzen nicht Halt

Ein öffentlicher Diskurs über den Einsatz von Gentechnologien wie Crispr-Cas9, die gezielte genetische Veränderungen eines Erbguts – auch das des Menschen – ermöglichen, ist nicht nur wünschenswert, sondern zentral. Die Ereignisse der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass die Frage nicht mehr ist, ob Experimente am menschlichen Erbgut gemacht werden, sondern wann, wie und wo das geschehen wird. Auch wenn dies im fernen China geschieht, können wir uns vor diesem brisanten Thema in der Schweiz nicht verstecken.  Diese Veränderungen werden an Nachkommen weitergegeben  und verbreiten sich. Zudem werden damit Präzedenzfälle geschaffen, denen sich die international ausgerichtete Forschung in der Schweiz kaum entziehen kann.

Genverändernde Technologien dürfen nicht verteufelt werden

Es greift deswegen zu wenig weit, die Technologie oder bestimmte Anwendungen davon zu verbieten. Damit ist die Sache nicht vom Tisch. Vielmehr laden Ereignisse wie die Schlagzeilen aus China dazu ein, sich mit der Technologie und ihren Anwendungen an Mensch, Tier und Pflanzen konkreter und differenzierter auseinanderzusetzen.

Es gilt zu vermeiden, durch zu stark vereinfachte, negative Berichterstattung die gesamte Technologie in Frage zu stellen. Denn die Entwicklung von Crispr-Cas9 und anderen genverändernden Technologien ist ein riesiger Fortschritt für die Wissenschaft. Neue Erkenntnisse werden damit schneller und günstiger gewonnen. Das trägt dazu bei Krankheiten besser zu verstehen, zu mildern oder gar zu heilen. Unsere Steuergelder werden damit effizienter eingesetzt. Ausserdem kommen immer mehr Gentherapien auf den Markt, die zwar das menschliche Erbgut verändern, jedoch nicht auf die Keimbahn zugreifen. Damit können Menschenleben gerettet werden, ohne die ethisch brisanten Risiken einzugehen, die bei der Veränderung der menschlichen Keimbahn zu Recht aufgeführt und kritisiert werden.

Gemeinsamer Effort aller Beteiligten

Gerade die Fortschritte der Forschung im Bereich der genverändernden Technologien sind rasant. Die Kritik, dass die Technologie für die Anwendung am Menschen zu wenig ausgereift sei, dürfte schon in wenigen Jahrzehnten leiser werden. Es bleibt die Grundsatzfrage: darf der Mensch so entscheidend in die Evolution eingreifen? Die Antwort darauf sollte nicht aus dem hohlen Bauch heraus beantwortet werden. Die Diskussion darf nicht  unter dem Stempel «nicht ausgereift» oder «ethisch undenkbar» abgetan werden. Vielmehr hat unsere Gesellschaft heute die Chance, sich aktiv über zukünftig relevante Themen zu informieren und zu diskutieren. Dafür braucht es aber einen interdisziplinären Effort derjenigen, die den öffentlichen Diskurs prägen.

Wissenschaftler*innen müssen vermehrt versuchen, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ethiker*innen müssen sich aktiver in die öffentliche Debatte einschalten. Politiker*innen sollten das Thema auf die politische Agenda setzen, und der Staat Informationskampagnen zum Thema fördern. Auch Journalist*innen müssen sich des Themas annehmen und für eine ausgewogene, sachliche und fruchtbare Berichterstattung sorgen. Und schliesslich sind es nicht zuletzt Bemühungen aus der Zivilgesellschaft, von Stiftungen, Think Tanks und Nichtregierungsorganisationen, die zu einem produktiven und differenzierten Diskurs entscheidend beitragen können.

Autor*Innen

Bettina Zimmermann hat an der Universität Fribourg Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Biomedizin studiert. Nach ihrem Master Molekularmedizin an der Universität Uppsala (Schweden) befasst sie sich nun im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel mit dem Thema Gentests und Gesellschaft. Bettina ist Regioleiterin von reatch in Basel.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.