Geschichte erzählen heisst in Möglichkeiten denken

Die Geschichte ist voll von unerwarteten Ereignissen. Erst der scharfe Blick der Historikerin offenbart das Wahrscheinliche im Unerwarteten.

27. Sept 2018 · Constantin David Kilcher

Die geschickte Hand der Historikerin macht die einzelnen Fäden im historischen Knoten sichtbar.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Wahrscheinlichkeiten, Determinismus und freier Wille in Naturwissenschaften und Philosophie» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

Als die Europäer in der Nacht des 8. November 2016 ins Bett gingen, schliefen sie in der Erwartung einer Präsidentin Clinton ein. Doch das Unerwartete, das Unverhoffte, das Phänomen «Trump» begrüsste sie am nächsten Morgen und beschäftigt seitdem die Gemüter. Die Wahl Trumps, der Beginn des ersten Weltkrieges, der Fall der Berliner Mauer – viele sehen darin höchst «unwahrscheinliche» Ereignisse. Trotzdem sind unsere Geschichtsbücher voll mit «historischen» Tagen dieser Art. Könnte es sein, dass das vermeintlich Unwahrscheinliche am Ende lediglich unerwartet ist?

In ihrem Alltag stellt sich die Historikerin kaum die Frage nach Wahrscheinlichkeiten. Sie denkt zumeist in Kausalketten und begründet ein historisches Phänomen mit seinen Ursachen, nicht mit seinem Ausnahmecharakter. Die Idee der unwahrscheinlichen Ausnahme hat deshalb nicht wenig Sprengkraft, denn wenn etwas «ausnahmsweise» passiert, bedarf es nicht zwingend einer systematischen Erklärung.

Das historische Ereignis will aber dennoch eingeordnet und verstanden werden. Nicht zufällig gibt es einen historischen Begriff, der einen Teil der Spannung auflösen kann und besondere Eigenschaften unseres Faches offenbart: Der Begriff der Kontingenz.

Eine Geschichte – viele Erzählstränge

Die Handbuch-Definition beschreibt «Kontingenz» als ein Phänomen, das «weder notwendig noch unmöglich» ist. Kontingenz spricht also von Möglichkeiten und im historischen Sinne immer auch von Bedingtheit.

Ein Beispiel dafür ist die Ermordung des österreichisch-ungarischen Kronprinzen in Sarajevo kurz vor dem Beginn des ersten Weltkrieges. Der Historiker Christopher Clark hat das Ereignis und dessen viele Ursachen in seinem Buch «Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog» überzeugend aufgearbeitet. Die Geschichte beginnt mit einer ausdehnungshungrigen, nationalistischen Bewegung in Serbien, die auf die vermeintlich «serbischen» Gebiete ihrer Nachbarn schielt, insbesondere auf das österreichisch-ungarische Bosnien.

Die Geschichte beginnt aber auch mit drei frustrierten, gescheiterten, zu allem bereiten jungen Männern der proserbischen, nationalistischen Jugendbewegung in Bosnien. Einer dieser drei jungen Männer erschiesst am 28. Juni 1914 den Kronprinzen und seine Frau, nachdem er von einer serbischen Geheimorganisation rekrutiert wurde.

Die Geschichte beginnt nicht zuletzt mit einer gelähmten serbischen Regierung, die zwar von der Verschwörung weiss, durch die innenpolitischen Querelen der vorherigen Jahrzehnte aber zum Abwarten erzogen wurde. Die serbischen Behörden warnen ihre österreichisch-ungarischen Kollegen deshalb nur ungenügend, sodass die Risiken für den Kronprinzen falsch eingeschätzt werden.

Diese drei Erzählstränge sind miteinander zu einem Knoten verflochten, wobei sich die verknoteten Fäden gegenseitig bedingen: Erst in ihrem gemeinsamen, miteinander verknoteten Auftreten führen sie zur Ermordung des österreichisch-ungarischen Kronprinzen am 28. Juni 1914. Geschickte Historikerinnen können nun die einzelnen Fäden aus dem Knoten lösen, sie nebeneinanderlegen, vergleichen und schliesslich wieder zu einer Erzählung verdichten.

Wer Geschichte erklärt, muss in Möglichkeiten denken

Die Ermordung des Kronzprinzen war kontingent: nicht unmöglich (denn sie hat ja stattgefunden), aber auch nicht zwingend notwendig. Was, wenn der Attentäter Gavrilo Princip schreckliche Zahnschmerzen bekommen hätte? Oder der Kronprinz Migräne? Diese Fragen lassen sich so gestellt nie beantworten, aber sie offenbaren andere mögliche Geschichten, die nicht von vornherein «unwahrscheinlicher» waren als die tatsächlich eingetretenen Ereignisse.

Mit gebührender Vorsicht erkennt die Historikerin, wieso am Vorabend des historischen Tages keinesfalls Sicherheit über dessen Verlauf herrschen kann, sondern radikal in Möglichkeitsräumen gedacht werden muss. Eine seriöse Geschichtsschreibung muss deshalb die Kontingenz der verschiedenen Erzählfäden deutlich machen und dabei zeigen, dass der Lauf der Geschichte nicht so einfach und zielgerichtet ist, wie er im Nachhinein scheinen mag.

Das Beispiel der drei frustrierten jungen Männer von 1914 verdeutlicht auch die (bisweilen zerstörerische) Wirkungsmacht der Individuen, die in der Verletzlichkeit historischer Fäden angelegt ist. Auch wenn die eigene Bedeutung angesichts der Macht von Staaten und globalen Firmen verschwindend klein vorkommen mag, so ist die Geschichte auch für den Einzelnen voll von Handlungsmacht.

Geschichte(n) erzählen – vom «Warum» zum «Wie»

Gleichzeitig ist aber klar, dass Einzelne den Lauf der Welt nicht allein bestimmen können. Die Geschichte rund um Gavrilo Princip und seine Mitverschwörer gibt keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, warum der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist. Sie kann aber helfen zu verstehen, wie es dazu gekommen ist.

Diese Unterscheidung mag auf den ersten Blick überflüssig sein. Doch sie gibt der Historikerin einfache Mittel in die Hand, um nicht das Unerwartete mit dem vermeintlich Unwahrscheinlichen zu verwechseln. Wer auf die Frage nach dem «Warum» des Ersten Weltkriegs das Attentat am österreichisch-ungarischen Kronprinzen nennt, schneidet damit ohne Rücksicht alle anderen historischen Fäden ab und verengt die Sicht auf das historische Ereignis in unzulässiger Weise.

Christopher Clark stellt deshalb in seinem oben erwähnten Buch «Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog» als Ausgangsfrage seines Buches keine «Warum»-Frage, sondern eine «Wie»-Frage. Wer nach dem «Wie» eines historischen Ereignisses fragt, öffnet den Blick für die Vielzahl von historischen Fäden, die keinen «einzigen Ursprung» und kein «logisches Ende» kennen, sich aber im Hinblick auf das beschriebene Ereignis gegenseitig bedingen.

Auch die Frage «Wie ist Trump gewählt worden?» wird erst mit Hilfe der Analyse kontingenter Fäden historisch erklärbar. Ob die Historikerin dabei die gesamte Geschichte des amerikanischen Wahlsystems aufrollt oder nur das Narrativ der abgehängten, weissen und armen amerikanischen Protestwähler analysiert: Über «Wie»-Fragen verwandeln sich «unwahrscheinliche» Ausnahmen der Geschichte in kontingente Erzählungen, die uns nicht mit einem einzigen Ursprung für historische Ereignisse abspeisen, sondern miteinander verknüpfte Erzählfäden sichtbar machen. Damit wissen wir zwar immer noch nicht abschliessend, warum Trump gewählt wurde, aber wir erkennen die vielen verschiedenen Möglichkeiten und Wege, die zum vermeintlich unwahrscheinlichen Wahlausgang geführt haben.

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen.

Bibliographie:

[1] Clark, Christopher: The Sleepwalkers. How Europe went to war in 1914, London 2012.

Autor*Innen

Constantin Kilcher forscht als Geförderter der Schweizerischen Studienstiftung und als Cambridge European Scholar zur Geschichte der Eugenik an der University of Cambridge im Rahmen eines postgradualen Studiums. Seinen Bachelor in Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie absolvierte er an der Universität Zürich und der Harvard University summa cum laude.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.