Klimaschutz: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Unrealistische Vorstellungen in unseren Köpfen verhindern beim Klimaschutz den Blick aufs Ganze.

29. Mai 2020 · Servan Grüninger

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Nachhaltigkeit – People, Planet and Profit unter verschiedenen Gesichtspunkten» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

Vorgefasste Meinungen führen uns oft in die Irre. Das gilt besonders für ein Thema wie den Klimaschutz, der seit Jahrzehnten von verschiedenen wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Akteuren bearbeitet wird. Dementsprechend viele irreführenden Behauptungen und Vorstellungen haben sich mittlerweile in den Köpfen der Menschen festgesetzt.

Zwei repräsentative Umfragen in den USA und in Deutschland haben beispielsweise gezeigt, dass die Befragten die relative Wirksamkeit vieler Klimaschutz-Massnahmen falsch einschätzen [1]. So hat der Verzicht auf Plastiksäcke und der vermehrte Konsum regionaler Produkte in den Köpfen vieler Menschen eine hohe Bedeutung, wenn es darum geht, den CO2-Ausstoss zu reduzieren, obwohl beides einen vergleichsweise kleinen Effekt hat. Im Gegensatz dazu würde der Verzicht auf Fleisch den persönlichen CO2-Abdruck viel stärker reduzieren, nimmt in der Vorstellung der Befragten aber nur eine untergeordnete Bedeutung ein.

Dieses Auseinanderklaffen zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Wirksamkeit lässt darauf schliessen, dass unser individuelles Verhalten oftmals weniger fürs Klima tut, als wir das glauben. Es birgt die Gefahr, dass wir uns bei der öffentlichen Diskussion über den Klimaschutz auf (zu) wenig wirksame Klimaschutzmassnahmen konzentrieren und dabei entscheidende Herausforderungen unberücksichtigt lassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion über klimaneutrale Mobilität. Das Vermeiden von Flug- und Autoreisen hat sicher einen grösseren Einfluss auf den globalen CO2-Ausstoss als der Verzicht auf Plastiksäcke. Doch die gegenwärtige Pandemie zeigt deutlich, dass auch ein weitgehender Verzicht auf das Fliegen und Autofahren den Klimawandel nicht stoppen wird. Aufgrund der in vielen Ländern verfügten Grenzschliessungen und nationalen «Lockdowns» ist der internationale Flugverkehr und auch der Binnenverkehr massiv eingebrochen. Dieser Einbruch sorgt für einen messbaren Rückgang der CO2-Emissionen, der  im Vergleich zum gesamten CO2-Ausstoss aber eher gering ausfällt [2]. Weil der Anteil des globalen CO2-Ausstosses durch Flugzeuge und Autos sich jeweils im einstelligen Prozentbereich bewegt und der überwiegende Teil der globalen CO2-Emissionen auf Stromproduzenten, den Agrarsektor und die Schwerindustrie entfällt, würde selbst ein vollkommener Verzicht auf Flugreisen und Autofahrten nicht ausreichen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen [3].

Sollen wir nun individuell und kollektiv in Fatalismus verfallen und gar nichts mehr gegen den Klimawandel tun? Selbstverständlich nicht. Wem es ein Anliegen ist, den CO2-Ausstoss einzudämmen, der soll weiterhin regional einkaufen – aber dabei nicht vergessen, dass ein Stück Fleisch aus der Schweiz klimaschädlicher ist als Erdbeeren aus Spanien [4]. Ebenso ist es sinnvoll, die Dekarbonisierung der Mobilität voranzutreiben, ohne dabei die vielen anderen politischen, wirtschaftlichen und technologischen Herausforderung im Zusammenhang mit dem Klimawandel aus den Augen zu verlieren. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie sich die hohen Temperaturen, die es zur Herstellung von Stahl oder Zement braucht, klimaneutral und bezahlbar erreichen lassen [5].

Wir sollten auf jeden Fall aufhören, die Bewältigung des Klimawandels ausschliesslich als Frage des individuellen Verhaltens zu betrachten. Selbst wenn wir uns alle als Privatpersonen dazu entschliessen, unser Leben klimafreundlicher zu gestalten, wird das nicht ausreichen, um Klimaneutralität zu erreichen. Ich kann als Einzelperson zwar beeinflussen, was ich esse, wo ich einkaufe oder wie ich mich fortbewege. Doch ich allein habe keine Möglichkeit, die weltweite Energieproduktion CO2-neutral zu gestalten. Das geht nur über global koordinierte, politisch breit abgestützte und wirtschaftlich tragbare Massnahmen.

Den Originalbeitrag gibt es hier zu lesen.

Referenzen

[1] Bilstein, Frank (2019). What reduces our personal CO2 footprint? We have no clue! (https://www.linkedin.com/pulse/what-reduces-our-personal-co2-footprint-we-have-clue-frank-bilstein/, abgerufen am 10. Mai 2020).

[2] Fulterer, Ruth (2020). Corona rettet das Klima nicht. NZZ (https://www.nzz.ch/international/das-coronavirus-stoppt-den-klimawandel-nicht-ld.1553304, abgerufen am 10. Mai 2020).

[3] Ibid.

[4] Clune, Stephen, Enda Crossin and Karli Verghese (2016). Systematic review of greenhouse gas emissions for different fresh food categories. Journal of Cleaner Production (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959652616303584?, abgerufen am 10. Mai 2020).

[5] Roberts, David (2020). This climate problem is bigger than cars and much harder to solve. Vox (https://www.vox.com/energy-and-environment/2019/10/10/20904213/climate-change-steel-cement-industrial-heat-hydrogen-ccs, abgerufen am 10. Mai 2020).

Autor*Innen

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von reatch. Er hat seinen Bachelor mit Politikwissenschaft und Recht begonnen und seinen Master mit Biostatistik und Computational Science beendet. Neben seiner akademischen Arbeit schreibt Servan seit fünf Jahren für verschiedene deutschsprachige Medien im In- und Ausland. Für weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

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