Klimawandel und COVID-19 - Warum man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll

Die Philosophen Eric Schliesser und Eric Winsberger erläutern wichtige Unterschiede zwischen der Klimaforschung und der Forschung zu Covid-19. Jonas Wittwer hat für euch ihre Kernpunkte zusammengefasst.

30. März 2020 · Jonas Wittwer

Der Talkshowmaster Jimmy Kimmel twitterte am 16. März 2020: “Lasst uns nicht vergessen, dass die Genies, die uns gesagt haben, wir sollen uns nicht um das Coronavirus sorgen, dieselben Genies waren, die uns sagten, wir sollen uns keine Sorgen um den Klimawandel machen.” Er reiht sich damit in eine Reihe von Aussagen ein, die den wissenschaftlichen Konsens zum menschenverursachten Klimawandel in Verbindung bringen mit den Empfehlungen von Gesundheitsexperten zu COVID-19. So einfach lassen sich die Forschung zum Klimawandel und die aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zu COVID-19 aber nicht vergleichen, meinen Eric Schliesser und Eric Winsberg in einem Artikel im NewStatesman. Schliesslich wird bereits seit 100 Jahren in den unterschiedlichsten Disziplinen zur Hypothese geforscht, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist. Das wiederholte Prüfen der Hypothesen durch eine Vielzahl von Wissenschaftler*innen hat zu einer hohen Gewissheit über die Tatsachen bezüglich dem Klimawandel geführt. Dass immer noch Zweifel bestehen, dass der Klimawandel durch Menschen verursacht wird, ist grösstenteils auf das systematische Verbreiten von Falschinformationen durch die Industrie und auf politische Interessen zurückzuführen.

Im Kontrast dazu steckt die Forschung zum Coronavirus noch in den Kinderschuhen. Viele der zum Coronavirus publizierten Artikel haben nur rudimentäre Review-Prozesse durchlaufen. Ausserdem fehlte bislang die Zeit für eine ausführliche Abstimmung zwischen Wissenschaftler*innen aus sich überlappenden Fachgebieten (z.B. Virologie, Soziologie oder Gesundheitsökonomie). Die Zweifel, welche bezüglich dem Coronavirus noch bestehen,  sind durchaus begründet, lassen sich aber mit der Neuheit der Coronavirus-Forschung erklären.

Take-Home Message 1: Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlich begründetem Zweifel (Coronavirus) und dem Zweifel, welcher aus ökonomischen/politischen Gründen gestreut wird (Klimawandel).

Weiter argumentieren Schliesser und Winsberg, dass die Massnahmen, die bezüglich dem Coronavirus getroffen werden, für die breite Bevölkerung oft nicht nachvollziehbar sind. Expert*innen und Regierungen müssen mit der wissenschaftlichen Unsicherheit rund um den Coronavirus umgehen und machen sich viele Gedanken über die Konsequenzen ihrer Entscheide. Diese Prozesse laufen jedoch oft im Verborgenen ab. Es braucht also ein grosses Vertrauen der Öffentlichkeit in die Expert*innen. Doch dieses Vertrauen ist beim Klimawandel viel stärker gerechtfertigt als bei der Forschung um den Coronavirus, weil mehr Wissenschaftszweige über einen längeren Zeitraum zusammengearbeitet haben.

Die getroffenen Massnahmen haben weitreichende Konsequenzen für alle. Trotzdem müssen sie rasch und oft auf Basis unsicherer Daten getroffen werden. Dabei besteht die Gefahr, dass nicht immer die bestmöglichsten Entscheidungen getroffen werden. Es braucht also weitere Diskussionen rund um die Wissenschaft und die politischen Entscheide zum Coronavirus - aber auf ganz andere Weise als beim Klimawandel.

Take-Home Message 2: Wir haben unterschiedliche Situationen des Vertrauens. Es ist fragwürdig, ob der Ausdruck “Trust in Science” beim Coronavirus auf dieselbe Art und Weise angebracht ist wie bei Fragen zum Klimawandel.

Autor*Innen

Jonas Wittwer ist im Vorstand von reatch und PhD-Student am Philosophischen Institut der Universität in Bern. Sein Forschungsschwerpunkt ist die soziale Erkenntnistheorie und er plant eine Dissertation zum Verhältnis von Expert*innen und Lai*innen.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.