Mehr als Anwendung: Wie die Wissenschaften unser Denken formen

Fortschritt ist mehr als Medikamente und Start-Ups. Denn Forschung strebt nicht allein nach Innovation, sondern ist vor allem die Suche nach Antworten auf urmenschliche Fragen.

17. Okt 2018 · Lisa Kistler

Die Wissenschaften sind der Motor von Kultur und Gesellschaft (Bild: Tamara Aepli / reatch)

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Science Behind The Scenes» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

«Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken - weil man es immer vor Augen hat). Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf.» - L. Wittgenstein

Ohne Forschung keine Innovation, ohne Innovation kein Fortschritt, ohne Fortschritt kein Wohlstand. Mit dieser Argumentation stehen die Wissenschaften von allen Seiten unter Druck: Die Politik möchte einen möglichst hohen Nutzen für möglichst wenig Geld, die Wirtschaft möglichst schnell klare Ergebnisse, die sich als neue Anwendungen vermarkten lassen, und die Bevölkerung fordert mehr Arbeitsplätze, neue Medikamente, Wohlstand und Lebensqualität. Alle Anspruchsgruppen erwarten anwendbare Resultate, die ihre Welt verbessern sollen.

Und die Forschung liefert: Noch nie war der wissenschaftliche Fortschritt so rasant wie in den letzten zwei Jahrhunderten. Vor gerade einmal achtzig Jahren erörterte Alan Turing die Möglichkeit eines Computers und künstlicher Intelligenz. Sechzig Jahre später begann der Siegeszug des Internets. Und heute? Heute wird bereits an Quantencomputern geforscht, welche die bisherigen Computer an Leistungsfähigkeit weit übertreffen sollen. 

Dass Wissenschaft und Forschung unseren Alltag beeinflusst und die Welt verändert haben, ist also eine Binse. Innovationen scheinen nur so aus dem Boden zu schiessen. Vielleicht erkennen wir das Wunder dieses Fortschritts schon darum nicht, weil wir es eben «immer vor Augen haben», wie Wittgenstein es ausdrückt.  

Neben all den Technologien, die uns durch ihre Alltäglichkeit bereits selbstverständlich geworden sind, beeinflusst Forschung unser Leben aber auf viel subtilere Weise: Wir fragen uns beim Blick in den Nachthimmel, warum es das Universum gibt; im Strudel der Kulturen und der Globalisierung suchen wir nach einem verbindenden Element aller Menschen, nach unserer gemeinsamen Herkunft; und wir wundern uns darüber, wie klein die Teilchen sein müssen, die die Welt in ihrem Innersten zusammenhalten.

Dies sind Fragen, die zum Menschsein gehören. Sie machen uns klar: Es geht in den Wissenschaften um mehr als um Innovation und anwendbare Resultate. 

Die Wissenschaften sind der Motor von Kultur und Gesellschaft

Die Forschung hat deshalb nicht nur den Auftrag, unseren Fortschritt und Wohlstand zu sichern und auszubauen. In erster Linie sollen die Wissenschaften neues Wissen schaffen. Sie beantworten Fragen, die wir uns als Menschen stellen und die unsere Identität ausmachen. Zwischen den beiden Ansprüchen – grundlegende Fragen zu beantworten und Anwendungen von neuen Erkenntnissen zu schaffen – muss kein Widerspruch bestehen. Beide gehören eng zusammen, denn wissenschaftliche Erkenntnisse formen auch unser Denken und unsere Kultur. Sie verändern unser Bewusstsein für die kleinen Dinge des Alltags und richten unsere Aufmerksamkeit auf Fragen, die wir uns zuvor vielleicht noch nie gestellt haben. 

Aus Überresten unserer Vorfahren liess sich beispielsweise erschliessen, dass die Menschen einst aus Afrika ausgewandert waren und sich an verschiedenen Orten auf der Welt niedergelassen hatten – zum Beispiel in Europa. Kein Volk war also schon immer da. Dieses Thema ist auch im Zusammenhang mit den aktuellen Flüchtlingsströmen von Interesse.

Dass sich der Mensch überhaupt auf diesem Planeten entwickeln konnte, ist ebenfalls eine nähere Betrachtung wert: Wie kann es sein, dass alle physikalischen Eigenschaften auf unserer Erde exakt stimmen – vom Neigungswinkel über den Sonnenabstand bis hin zur richtigen Umlaufgeschwindigkeit unseres Mondes – so, dass hier überhaupt Leben entstehen konnte?  Aus dieser Perspektive sehen wir den Wert unseres Planeten auf eine neue Weise. 

Auch die Rekonstruktion urzeitlicher Lebensräume mit all ihren urtümlichen Bewohnern rückt unsere Existenz in ein anderes Licht: Unsere Art ist vergänglich und wird einmal von dieser Erde verschwinden. 

Die Erforschung solcher Gebiete – Anthropologie, Paläontologie, Astrophysik, von den Geisteswissenschaften ganz zu schweigen – scheinen keinen direkt verwertbaren Nutzen für unsere Wirtschaft zu haben. Es werden keine neuen Medikamente oder Technologien daraus entstehen. Aber das Wissen über unsere Herkunft und die Herkunft unserer Welt beeinflusst unsere Gesellschaft ebenso entscheidend, wie es eine neue Therapie gegen Krebs oder eine neue Generation von 3D-Druckern tun. Denn es verändert unser Bewusstsein und unser Denken. 

Forschung ist ein Gemeinschaftsprojekt

Fortschritt ist mehr als Medikamente und Startups. Unser Wissen formt unser Weltbild und unsere Identität. Die Forschung hat also auch einen Einfluss auf die Meinungsbildung der Bürger und damit auch auf ihre Einstellung gegenüber den Wissenschaften. Umso wichtiger ist es für die Wissenschaften, den ständigen Austausch zu suchen mit anderen Teilen der Bevölkerung.

Die Wissenschaftsvermittlung trägt hier grosse Verantwortung, denn seriöse Information ist die Grundlage für eine fundierte Meinungsbildung. Auf beiden Seiten müssen Vorurteile und Fehlinformationen abgebaut werden. Einerseits sollen sich Forschende vermehrt bewusst sein, welchen Einfluss ihre Resultate auf die Gesellschaft haben. Andererseits soll die Gesellschaft offen sein gegenüber neuen Forschungsfeldern und -themen. 

Für den zukünftigen wissenschaftlichen Fortschritt ist es entscheidend, wie dieser Dialog geführt wird. Wer die Bevölkerung erreichen will, muss sich in einer Sprache zu verständigen, die jeder verstehen kann. Es ist nicht notwendig, dass alle das Standardmodell der Teilchenphysik kennen oder die Feinheiten der Evolutionslehre verstehen. Aber es ist wünschenswert, dass jeder Zugang erhält zu den fundamentalen Ideen, die in diesen Theorien stecken. Diese Ideen sind es nämlich, die unser Bild von der Welt bestimmen und beeinflussen. 

Wollen wir als Gesellschaft auch in Zukunft weiterkommen, müssen wir uns weiterhin für Forschung einsetzen, die sich den grundsätzlichen Fragen unseres Daseins annimmt. Eine Verengung der Forschungsziele auf unmittelbaren Nutzen wäre hingegen fatal. Denn Fortschritt beginnt im Wesentlichen mit den Ideen, Gedanken und Einstellungen von uns allen. 

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*Innen

Lisa Kistler studiert Biologie an der Universität Zürich und ist Geförderte der Schweizerischen Studienstiftung.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.