Mit Bescheidenheit zu guten Entscheiden

Jonas Wittwer argumentiert, dass wir, um zu guten Entscheidungen zu gelangen, hinsichtlich unserer eigenen Fähigkeiten zu Erkenntnis zu gelangen, bescheiden sein sollten.

6. Mai 2020 · Jonas Wittwer

«Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen», lautete ein berühmter Satz der Aufklärung [1]. Demnach sollten wir es wagen, die Welt mit eigenen Augen zu sehen und Kraft unserer eigenen Vernunft zu verstehen. Gerade als Wissenschaftler*innen müssen wir diesen Grundsatz hochhalten, denn er führte uns weg von religiösen Dogmen, die die Wissenschaft über lange Zeit daran hinderte, sich einer Beschreibung der Welt anzunähern, die uns Erklärungen und Vorhersagen erlaubt. Doch müssen wir uns eingestehen, dass diesem Ausspruch auch etwas Lähmendes anhaften kann. Müssen wir uns immer unseres eigenen Verstandes bedienen? Kann es nicht manchmal besser sein, sich auf andere zu verlassen?

Nehmen wir als Beispiel das Klima [2]. Nur wenige Menschen sind in der Lage, mit ihrem eigenen Verstand alle Zusammenhänge dieses komplexen Themas so weit zu verstehen, dass sie in der Lage sind gute Erklärungen oder Prognosen zu machen. Deshalb hören wir auf Expert*innen, wenn es um wissenschaftliche Klima-Fragen geht. Wenn wir das tun, dann vertrauen wir auf die epistemische Autorität dieser Personen. Dies bedeutet, wir glauben dem Urteil der Expert*innen nicht, weil sie z.B. eine ähnliche moralische Überzeugungen haben wie wir selbst, sondern weil wir annehmen, dass sie besonders kompetent darin sind, uns über die Wirklichkeit eines bestimmten logisch oder empirisch fassbaren Gegenstandes aufzuklären. Sind wir konsequent, dann vertrauen wir dieser Autorität auch dann, wenn ihre Aussagen im Widerspruch zur eigenen Wahrnehmung stehen. Wenn ich also im Winter bei -5° Celsius an der Bushaltestelle schlottere, ist dies kein Grund an der generellen Erwärmung der Erde zu zweifeln. Denn ich vertraue darauf, dass die gesammelten Messdaten mehr über die Temperaturentwicklung der Erde aussagen als meine momentane individuelle Wahrnehmung. Doch wie gerechtfertigt ist solch ein Vertrauen, welches meine Wahrnehmung der Welt in gewisser Weise in Frage stellt?

Schauen wir uns einmal zwei Extrempositionen genauer an, die wir gegenüber den Aussagen anderer einnehmen können. 

Eine Person kann einerseits eine egoistische Haltung einnehmen und jede fremde Sicht ablehnen, weil sie nicht ihre eigene ist [3]. Diese Haltung nehmen zum Beispiel Verschwörungstheoretiker*innen ein, welche davon ausgehen, dass sie im Gegensatz zur “blinden” Masse als Einzige die wahren Zusammenhänge, beziehungsweise die Wirklichkeit, zu erkennen vermögen [4]. Aus epistemischer Sicht macht diese Ansicht wenig Sinn, wie die Philosophin Linda Trinkaus Zagzebski argumentiert. Sie führt an, dass wir keinen Grund haben, unsere Überzeugungen für wahr zu halten, nur weil sie unsere eigenen sind. Denn andere Personen verfügen im Grundsatz über dieselben Fähigkeiten, die Welt zu erkennen, wie wir selbst. Deshalb ist das Besitzen dieser Fähigkeiten allein kein Grund, eine bestimmte Ansicht vorzuziehen [5]. Es braucht also Gründe, welche ausserhalb von uns liegen, um eine Meinung vorzuziehen oder abzulehnen. Darüber hinaus sind der Wissensaneignung schon rein zeitlich Grenzen gesetzt – der Tag hat schlichtweg zu wenig Stunden, um sich alles notwendige Wissen zu erarbeiten [6]. Dies zwingt uns dazu, fremde Ansichten zu nutzen, um selber zu Wissen zu gelangen. 

Auf der anderen Seite könnte man nur das für wahr halten, was von einer epistemischen Autorität bestätigt wurde. Eine völlig absurde Situation. So könnte man schliesslich nicht einmal so elementare Aussagen wie “Dort steht ein Baum” eigenständig für wahr halten. Eine solche extreme Haltung kann also bereits hier ausgeschlossen werden und ein etwas schwächeres Extrem muss formuliert werden: Eine Person formt zwar eigene Überzeugungen, verwirft diese aber ohne zu zögern, wenn sie von einer epistemischen Autorität als unwahr beurteilt werden. Es ist jedoch schwer vorstellbar, wie eine Person, welche sich absolut auf die Autorität anderer Personen verlässt, noch in der Lage sein soll, eine zuverlässige epistemische Autorität zu erkennen. Denn die notwendigen Fähigkeiten dazu werden als Folge der Abhängigkeit kaum noch trainiert. Im schlimmsten Fall lässt sich eine Person mit dieser Haltung zu einem ähnlich fundamentalistischen Glaubenssystem verleiten, wie eine Person, die ausschliesslich auf ihre eigene Wahrnehmung vertraut. In etwas weniger dramatischen Fällen wird das Wissen epistemischer Autoritäten nicht hinreichend an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Ein Beispiel hierfür wäre, dass Patient*innen nur die Nebenwirkungen für real halten, auf die sie bei der Medikamentenabgabe explizit aufmerksam gemacht wurden, statt von ihrer Fachperson zu erfragen, ob eine wahrgenommene Veränderung im Befinden auf ihr neues Medikament zurückzuführen sei. Hinzu kommt noch ein rein ethisches Problem mit dieser extremen Position: Sich mit der Welt in Verbindung zu setzen und diese Kraft des eigenen Verstandes zu erkennen, ist Teil unserer Menschenwürde [7]. Wir sabotieren also unsere eigene Würde, wenn wir uns nur noch auf andere verlassen.

Es sollte bis hierhin klar geworden sein, dass weder das blinde Befolgen noch die Ablehnung jeglicher epistemischen Autorität wünschenswert ist. Es gilt, eine Balance zwischen diesen beiden Extrempunkten zu finden. Wir müssen in der Lage sein jene Autorität zu benennen, der wir folgen können und wissen, wann wir einen eigenen Standpunkt einnehmen sollten. 

Diese Balance lässt sich jedoch nur finden, wenn klar ist, warum wir überhaupt wahre Überzeugungen anstreben sollten. Selbst wenn wir dem Streben nach Wahrheit keine Bedeutung zuweisen, hätten wir noch immer ethische Gründe, die uns zwingen, jene Überzeugungen anzustreben, welche tatsächlich wahr sind. So  sind unsere ethischen Entscheidungen in zweierlei Weise von dem, was wir für wahr halten, beeinflusst: Das, was wir für wahr halten, steuert sowohl welche Entscheidungen wir treffen als auch die Konsequenzen dieser Entscheidungen. Wenn ich glaube, dass Homöopathie eine sinnvolle medizinische Entscheidung ist, dann werde ich mich gegen eine evidenzbasierte medizinische Methode entscheiden. Die daraus erwachsende Konsequenz ist in manchen Fällen fatal: Obwohl meiner Wahl gute Absichten zugrunde liegen, richtet sie doch Schaden an, weil sie die tatsächlich wirksame Methode ignoriert. Es ist also sehr bedeutend, ob das, was wir über die Welt zu wissen glauben, tatsächlich wahr ist oder ob wir gute Gründe dafür haben, das von uns Geglaubte für wahr zu halten [8][9]. 

Ausgehend davon können wir nun die beiden Extrempositionen etwas genauer betrachten, von denen die eine gravierendere Auswirkungen als die andere hat. Es ist möglich, zu kompetenten ethischen Entscheidungen zu gelangen, indem man blind epistemischer Autorität folgt. Selbst wenn wir unsere Eigenständigkeit in oben beschriebener problematischer Hinsicht aufgeben, haben wir durchaus die Chance, die Welt bestmöglich zu verstehen – vorausgesetzt wir folgen gerechtfertigten epistemischen Autoritäten. Natürlich wird es Fehler geben, aber zum Grossteil des für uns relevanten Wissens gibt es unter Expert*innen einen breiten Konsens [10]. Die zum Teil sichtbare Scheindivergenz ist dann auf politische Störprozesse zurückzuführen [11]. Diese Extremposition gegenüber einer gerechtfertigten epistemischen Autorität muss also nicht notwendigerweise zu einer ethischen Inkompetenz in Bezug auf die von uns getroffenen Entscheidungen führen.

Ganz anders präsentiert sich die Lage jedoch, wenn wir epistemisch egoistisch sind und ausschliesslich auf unsere eigene Wahrnehmung vertrauen. In diesem Fall gehen wir ein erheblich grösseres Risiko ein, auf relevantes Wissen für unsere Entscheidungen zu verzichten und verfallen so viel eher der Überzeugung, dass überteuertes Zuckerwasser eine sinnvolle Therapiemethode ist. 

Sich also in einem zu hohen Grad auf die Autorität anderer zu verlassen, ist das kleinere von zwei Übeln, das wir als Ausgangspunkt unserer Haltung nehmen sollten [12]. Zu begründen ist also, in welchen Fällen wir eine epistemische Autorität ablehnen und nicht, wann wir diese annehmen. Dies hat nicht nur, wie oben geschildert, ethische Vorteile, sondern auch ganz direkt epistemische: Wir müssen in diesem Fall lediglich unsere eigene Kompetenz einschätzen und nicht auch noch die des Gegenübers. Unsere Rechtfertigung, die Meinung des Gegenübers abzulehnen, erwächst erst aus unserer Sicherheit, über bessere epistemische Überzeugungen zu verfügen. Wir müssen uns aber nicht sicher sein, dass unser Gegenüber es tatsächlich besser weiss. 

Dies bedeutet, dass unser Gegenüber uns entweder mit besseren Überzeugungen versehen kann, als wir es ohne dieses Gegenüber erreicht hätten, oder das wir im weniger guten Fall Überzeugungen annehmen, die gleichwertig zu den vorherigen Überzeugungen sind [13][14]. In einem Beispiel: Wenn ich weiss, dass ich nur über rudimentäre Kenntnisse über Genetik verfüge und dann eine Person mir etwas über Genetik erklärt, dann darf ich diesen Ausführungen Glauben schenken, ohne deren Inhalt zu überprüfen. Nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass die Aussagen dieser Person wahr sind, sondern lediglich weil ich weiss, dass ich nicht viel über Genetik weiss.

Diese Überlegungen führen uns abschliessend zur Tugend der epistemischen Bescheidenheit [14]. Wir tun gut daran hinsichtlich dessen, was wir mit der Kraft unserer eigenen Vernunft erfassen können vorsichtig zu sein, wenn wir den Anspruch epistemischer Autorität anderer ablehnen. Wir brauchen gute Gründe, um zu behaupten, dass unsere Ansichten die besseren sind und dürfen sie nicht einfach nur vorziehen, weil sie auf unserem eigenen Verstand beruhen. Wenn wir diese guten Gründe nicht haben, dann dürfen wir mit Blick auf unsere Bescheidenheit getrost annehmen, dass unser Gegenüber über diese verfügt. Dies entbindet uns jedoch keineswegs von der Pflicht, zu versuchen die Welt eigenständig wahrzunehmen oder allzu arglos zu sein, wem wir im Grundsatz zugestehen, den Anspruch zu stellen, eine epistemische Autorität zu sein.

Referenzen:

[1] Kant, Immanuel (1999[1784]). “Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften”. In: ed. by Horst D.Brandt. Hamburg: Meiner Verlag, pp. 20–27.

[2] Folgender Beitrag bietet eine gute historische Übersicht über die Klimaforschung: Heymann, Matthias and Dania Achermann (2018). “From Climatology to Climate Science in the Twentieth Century”. In: ed. by Sam White, Christian Pfister, and Franz Mauelshagen. London: Palgrave Macmillan. Chap. 38, pp. 605–632.

[3] Ich nutze hier den Begriff von Linda Zagzebski “epistemic egoism” vgl. [5]. Ich habe aber den Eindruck, dass wir in vielen Fällen eher von “epistemic arrogance” sprechen sollten vgl. dazu [8]. Die Nuancen zwischen den beiden Ausdrücken möchte ich aber hier nicht erläutern. 

[4] Vgl. zu Verschwörungstheorien: Butter, Michael (2018). „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp.

[5] Zagzebski Trinkaus, Linda (2012). Epistemic Authority. A Theory of Trust, Authority and Autonomy in Belief. Oxford: Oxford University Press.

[6] Hardwig, John (2006[1985]). “Epistemic Dependence”. In: The Philosophy of Expertise. Ed. by Evan Sellinger and Robert P. Crease. New York: Columbia University Press, pp. 328–341.

[7] Das Würde-Konzept, an dem ich mich hier orientiere, bezieht sich wiederum auf Überlegungen von Immanuel Kant und verdient eine eigene Ausführung. Vgl. dazu auch [8].

[8] Wittwer, Jonas (2019). Epistemische Sorgfalt als Grundbedingung für moralische Entscheidungen. Unpublished.

[9] Shang, Aijing et. al. (2005). “Are the Clinical Effects of Homoeopathy Placebo Effects? Comparative Study of Placebo-Controlled Trials of Homoeopathy and Allopathy”. In: The Lancet 366, pp. 726–732.

[10] Ich werde mich diesem Punkt in einem späteren Blogbeitrag widmen. Vgl. bis dahin:  Stanford, Kyle (2017). “Underdetermination of Scientific Theory”. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2017 Edition), URL: https://plato.stanford.edu/archives/win2017/entries/scientificunderdetermination.

[11] Oreskes, Naomi and Erik M. Conway (2010). Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming. New York: Bloomsbury Press.

[12] Zagzebski macht hier ergänzende Argumente vgl. dazu Referenz [5]

[13] Vgl. dazu auch: Frances, Bryan (2014). Disagreement. Cambridge: Polity Press. 

[14] Dormandy führt hierzu aus, dass die eigenen Überzeugungen die Überzeugungen der epistemischen Autorität ergänzen sollten: Dormandy, Katherine (2018). “Epistemic Authority: Preemption or Proper Basing?” In: Erkenntnis 83, pp. 773–791.

[15] Ich habe mich bis jetzt wenig systematisch mit diesem Ansatz beschäftigt. Interessierte Leser*innen finden hier einen ersten Ansatz: Tanesini, Alessandra (2016). “Intellectual Humility as Attitude”. In: Philosophy and Phenomenological Research XCVI.2, pp. 399–420.

Autor*Innen

Jonas Wittwer ist im Vorstand von reatch und PhD-Student am Philosophischen Institut der Universität in Bern. Sein Forschungsschwerpunkt ist die soziale Erkenntnistheorie und er plant eine Dissertation zum Verhältnis von Expert*innen und Lai*innen.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.