Trenderscheinung Veganismus?

Immer mehr Leute verzichten auf tierische Produkte. Doch warum hat sich diese Lebensform nicht schon früher verbreitet? Was sind die ethischen Überlegungen, die hinter der aktuellen Modeerscheinung stecken?

12. Juli 2017 · Bettina Zimmermann

Der Tierschutz hat seit den 1970er Jahren einen neuen, immer grösser werdenden Abzweiger erhalten: die Tierrechtsbewegung. Vertreter dieser Ansicht wollen erreichen, dass (empfindungsfähigen) Tieren gewisse Grundrechte zugesprochen werden (1). Zum Beispiel das Recht auf Unversehrtheit. So werden in Basel zurzeit Unterschriften gesammelt, um „das Recht von nichtmenschlichen Primaten auf Leben und auf körperliche und geistige Unversehrtheit” in der Basler Kantonsverfassung zu verankern (2). Dieses Beispiel verdeutlicht den Bedeutungszuwachs, den das Thema „Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft“ erfährt. Coop und Migros vergrössern ihr Sortiment von veganen Fertigprodukten. Die universitären Mensen vergrössern vermehrt ihr Sortiment an veganen Speisen. Die vegane, also tierfreie Lebensform ist salonfähig geworden – sie wird immer mehr zum Trend (3).

Doch warum gerade jetzt? Schliesslich bedient sich der Mensch schon immer tierischer Produkte. Das Gerben von Leder, Jagen und Zubereiten von Spanferkeln wurde uns schon aus früheren Jahrtausenden überliefert. Ein Grund mag der Wohlstand sein, der seit Ende des zweiten Weltkrieges in unseren Breitengraden immer grösser geworden ist. Die letzte Hungerperiode ist bereits über 60 Jahre her, die Generationen X und Y sind in ernährungssicheren Zeiten aufgewachsenen. Sie haben es nie erlebt, sich um die Nahrungsversorgung Sorgen zu machen. Vegane Ernährung im Sinne von einem bewussten Verzicht aller tierischen Produkte ist nur unter diesen Umständen möglich. Sojaprodukte, Kokosöl oder Quinoa, um nur einige beliebte vegane Ersatzprodukte zu nennen, wuchsen ursprünglich nicht in unseren Breitengraden und müssen importiert werden (obwohl Europa vor allem im Sojaanbau mittlerweile ebenfalls aktiv ist (4)). Vor der Globalisierung war der heute stattfindende Massenimport solcher Produkte nicht möglich. Heute können wir es uns leisten, auf tierische Produkte zu verzichten, weil der Ersatz dafür problemlos verfügbar ist. Der Veganismus als Trend ist eine Wohlstandserscheinung.

Ein weiterer Grund für den immer weiter verbreiteten Veganismus ist, dass darüber geredet wird. Ob in Büchern, Blogs oder Social Media – für alle sind Informationen und Argumente für den Veganismus jederzeit verfügbar. Stars wie Leonardo di Caprio, Leona Lewis oder Olivia Wilde leben vegan und dienen als Vorbild und Aushängeschild für die vegane Bewegung. Dabei wird so manch einer anfangen, sich Gedanken zu machen. Finde ich es okay, Tiere und deren Produkte zu essen? Wie entkomme ich Produkten aus Massentierhaltung? Wie kann ich die in tierischen Lebensmitteln enthaltenen Nährstoffe ersetzen?

Die Auseinandersetzung mit unseren Praktiken und unserem Konsumverhalten scheint viele Menschen empfänglich für die alternative Lebensform Veganismus zu machen. Und für manche wird der Trend zur Herzensangelegenheit. Denn viele überzeugte Veganer folgen nicht bloss einem Trend, sie vertreten vielmehr ethische Überzeugungen, die den Konsum von tierischen Produkten nicht zulassen. Viele Veganer empfinden es als falsch, Tiere auszubeuten für ihren eigenen Konsum. Manche empfinden Mitgefühl mit den Tieren als Mitlebewesen. Ökologische Gründe wie die Reduktion von Energieverbrauch sind ein weiteres Motiv für viele Veganer (und auch für umweltbewusste Nicht-Veganer). Für Menschen mit diesen Überzeugungen ist Veganismus viel mehr als ein Trend, er ist eine moralische Pflicht. Es bleibt offen, ob der Veganismus als Trend denselben moralischen Begründungen folgt und aus der „vorübergehenden Modeerscheinung“ eine „verbreitete Lebensform“ wird.

(1) Regan, Tom (1984): The case for animal rights. 2nd ed. 2004, University of California.

(3) Gesellschaft für Konsumforschung GfK (2015): Für Veggies stehen die Zeichen auf Grün. https://www.gfk.com/fileadmin/user_upload/dyna_content/DE/documents/News/Consumer_Index/CI_03_2015.pdf (10.5.2017)

(4) Zinke Olaf (2014): Marktreport: Europäische Sojaproduktion stagniert. https://www.agrarheute.com/news/marktreport-europaeische-sojaproduktion-stagniert (23.6.2017).

Autor*Innen

Bettina Zimmermann (29) hat an der Universität Fribourg Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Biomedizin studiert. Nach ihrem Master Molekularmedizin an der Universität Uppsala (Schweden) doktoriert sie nun in Basel am Institut für Bio- und Medizinethik. Ihr Forschungsthema sind die Einstellungen und Wahrnehmungen von NutzerInnen und der Öffentlichkeit zu genetischen Tests. Bettina ist Regioleiterin von reatch in Basel.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.