Warum sollen Wissenschaftler*innen nicht Gott spielen?

Angesichts rasanter wissenschaftlicher Entwicklungen entstehen berechtigte Ängste vor deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als Reaktion darauf wird oft gefordert, dass Wissenschaftler*innen nicht Gott spielen sollen. Was bedeutet es Gott zu spielen und warum sollten wir es nicht tun?

21. Apr 2018 · Manuel Merki

Aus Mammutüberresten aus dem auftauenden Permafrost wird versucht, mit Hilfe von CRISPR/Cas9 ein Mammut wiederzubeleben. Dieselben Grundtechniken sind bereits auf den Menschen anwendbar.(1) Die Forschung an künstlicher Intelligenz führt zu Ergebnissen, welche die menschlichen Fähigkeiten bereits übertreffen.(2, 3) Noch sind solche Ergebnisse auf spezialisierte Aufgabenbereiche beschränkt. Doch welche Rolle spielt der Mensch noch, wenn aus kombinierten Einzelfähigkeiten eine starke künstliche Intelligenz erschaffen wird? Die Klimaerwärmung könnte mit Sulfat-Partikeln in der äusseren Atmosphärenschicht schnell und relativ kostengünstig verlangsamt, gestoppt oder gar umgekehrt werden. Dieser Schwebstoffmantel könnte das Wetter jedoch auch so beeinflussen, dass es zu weniger Regen und zu desaströsen Trockenperioden mit Ernteausfällen kommt.(4) Aktuelle Entwicklungen in den Wissenschaften scheinen immer wirkmächtiger zu werden. Meist werden sie jedoch von möglichen negativen Auswirkungen begleitet, die Skepsis oder gar Angst auslösen können.

Kritiker solcher wissenschaftlichen Entwicklungen argumentieren damit, dass wir unseren Platz in der Welt mit der Rolle Gottes missverstehen. Wir würden eine Grenze überschreiten, die ausserhalb unserer Kontrolle und unseres Einflusses liege. Dem Menschen stehe es nicht zu, sich in die Bausteine des Lebens einzumischen. Solche Aussagen implizieren im Allgemeinen, dass der Mensch keine durch die Wissenschaften forcierten, "künstlichen" Eingriffe vornehmen darf. Durch die Trennung von künstlich und natürlich wird der Mensch von der Natur abgegrenzt, die als das Wilde, als alles was nicht durch den Menschen verändert wurde, verstanden wird. Zwischen dem Damm, der von einem Biber gebaut wird, und der Staumauer, die der Mensch baut, würde ein grundlegender Unterschied bestehen.

Wenn wir den Menschen evolutionsbiologisch als eine Spezies unter vielen betrachten, dann sind menschliche Eingriffe in die Natur schwer von den Eingriffen nichtmenschlicher Wesen zu unterscheiden. Vögel bauen ihre Nester, Menschen bauen Häuser. Doch möglicherweise ist die Intuition, den Menschen von der Natur abzugrenzen, gerechtfertigt, weil er in viel grösserem Umfang in seine Umwelt eingreifen kann als jedes Tier. Der Mensch wäre durch seinen freien Willen grundsätzlich anders als der Rest der Natur. Diese Autonomie würde uns für unsere Handlungen in einem besonderen Masse verantwortlich machen. Doch im evolutionären Entwicklungsverständnis entsteht dadurch kein Ausweg: Wenn der Mensch die Fähigkeit entwickelt hat frei zu entscheiden, dann ist das ebenso Teil der Natur wie die Fähigkeit des Kängurus besonders weit zu springen. Menschliche Handlungen wären vielleicht komplexer - trotzdem aber nur graduell andersartig.

Wenn der Mensch nicht zur Natur gerechnet werden soll, ist trotzdem jede menschliche Handlung ein Eingriff in die Natur. Selbst wenn wir den menschlichen Geist als unabhängig vom Körper annehmen, bleibt die Ausführung von Handlungen körpergebunden. Ein Naturvolk, dass sich eine Lichtung im Wald rodet, um ein Dörfchen zu bauen, greift in die Natur ein. Ein Tier zu jagen, Felder anzulegen, eine Ressource zu erschliessen, jede Handlung ausserhalb der Spezies ist ein Eingriff in die Natur. Um diese starke Schlussfolgerung zu entschärfen, ist es möglich, dass wir nur die überlebensnotwendigen Handlungen als zulässige Eingriffe in die Natur anerkennen. Dadurch wird das exzessive Eingreifen des Menschen in die Natur über das Nötige hinaus unzulässig. Aber was bedeutet überlebensnotwendig? Gerade lange genug zu leben, um sich zu reproduzieren? Menschen wollen doch ein erfüllendes Leben führen, das über das nackte Überleben hinausgeht.

Wir laufen in ein Dilemma: Entweder ist der Mensch ein Teil der Natur und ähnlich zu werten wie andere Lebewesen oder er grenzt sich davon ab und führt im Endeffekt trotzdem mit jeder Handlung Eingriffe in die Natur aus. Die Unterscheidung von menschlichen Handlungen als künstlich im Vergleich zu natürlichen Geschehnissen kann nicht erklären, wieso der Mensch keine bedeutenden Eingriffe in seine Umwelt vornehmen darf.

Ein attraktiverer Ansatz ist die Unterscheidung in vom Menschen kontrollierte und unkontrollierte Bereiche. Etwas ist kontrolliert, wenn es von Menschen gemacht ist. Eine Staumauer ist kontrolliert (ein Artefakt), der Biberdamm ist nicht kontrolliert (ein natürliches Objekt). Die Abstufung zwischen kontrolliert und unkontrolliert ist graduell: Je stärker Menschen involviert sind, umso stärker ist etwas kontrolliert. Eine solche Kontrolle muss dabei speziesabhängig betrachtet werden, denn für Menschen ist eine Stadt kontrolliert und ein Ameisenbau unkontrolliert und vice versa. Wir könnten „Gott spielen“ daher so verstehen, dass der Mensch in einen Bereich eingreift, über den er keine Kontrolle hat. Dies ist jedoch eine zu enge Definition. Jede Handlung, wie das Abholzen eines kleines Stückchen Waldes, der nicht vom Menschen erschaffen wurde, würde als göttliche Handlung gelten. Wenn der Mensch aber mit jeder Handlung "Gott spielt", dann wäre diese Art von Aussage wertlos.

Die Kontrolle ist deshalb relevant, weil durch sie eine stärkere Verantwortlichkeit des Menschen entsteht. Wo wir die Kontrolle ausüben, haben wir eine Wahlmöglichkeit. Wo keine Kontrolle möglich ist, ist es Zufall für uns, was geschieht. Der Brisbane River hat früher beispielsweise oft zu Überflutungen der umliegenden Felder und Häuser geführt. Eine Staumauer sollte dies in Zukunft verhindern. Als es nach dem Bau trotzdem zu Überschwemmungen kam, wurden nicht mehr die Natur, Gott oder der Zufall, sondern die Ingenieure des Staudamms dafür verantwortlich gemacht. Obwohl auch diese nicht wussten, wie das Wetter sich entwickeln würde. Die Grenzen der Verantwortlichkeit wurden so verändert, dass Entscheidungen getroffen werden mussten, wo vorher keine getroffen werden konnten. Die Ingenieure hatten nun die Regulierung des Staudamms und damit des Wassers unter ihrer Kontrolle.(5)

„Gott spielen“ bedeutet also sinnvollerweise, signifikante Änderungen vorzunehmen, durch die neue Verantwortlichkeiten entstehen, über die wir nicht kompetent eine Entscheidung treffen können. Da sich die nötige Kompetenz graduell mit weiterer Forschung vergrössert, kann der Mensch folglich auch graduell, in kleinerem oder grösserem Masse Gott spielen. Was als „Gott spielen“ gilt, verändert sich zudem über die Zeit hinweg. Wo früher wenig Wissen bestand, können wir heute kompetente Entscheidungen treffen. Über manches, das wir heute noch nicht gut genug verstehen, werden wir in Zukunft kompetente Entscheidungen treffen können. Zu forschen und Erkenntnis zu gewinnen ist wichtig. Es wird dann gefährlich, wenn der Mensch über seine Kompetenzen hinaus ein Risiko eingeht, das potentiell desaströse Folgen haben kann. Gott zu spielen ist eine Redeweise, um in dramatischer Weise darauf aufmerksam zu machen, dass Vorsicht angebracht ist, wenn die möglichen schädlichen Konsequenzen nicht genügend kontrollierbar sind. Es sind also gute Risikobewertungs-Strategien gefragt, wenn eine Technologie als göttlicher Eingriff gehandelt wird.

Referenzen:

Grundlagentext: John Weckert. Playing God: What is the Problem? Aus The Ethics of Human Enhancement. Understanding the Debate (2016), Oxford University Press.

(1) Ewen Callawy. Mammoth genomes provide recipe for creating Arctic elephants (2015). URL: https://www.nature.com/news/mammoth-genomes-provide-recipe-for-creating-arctic-elephants-1.17462

(2) Yaniv Taigman, Ming Yang, Marc’Aurelio Ranzato, Lior Wolf. DeepFace: Closing the Gap to Human-Level Performance in Face Verification (2014). URL: https://research.fb.com/wp-content/uploads/2016/11/deepface-closing-the-gap-to-human-level-performance-in-face-verification.pdf?

(3) David Silver, Thomas Hubert, Julian Schrittwieser. Mastering Chess and Shogi by Self-Play with a General Reinforcement Learning Algorithm (2017). URL: https://arxiv.org/pdf/1712.01815.pdf

(4) Paul J. Crutzen. ALBEDO ENHANCEMENT BY STRATOSPHERIC SULFUR INJECTIONS: A CONTRIBUTION TO RESOLVE A POLICY DILEMMA? (2006). URL: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs10584-006-9101-y.pdf

Autor*Innen

Manuel Merki (31) ist für die Finanzierung von Projekten und die Weiterentwicklung der Geschäfte bei reatch aktiv. Er hat einen Bachelorabschluss in Unternehmenskommunikation und studiert aus Leidenschaft Philosophie in Bern. Seine Hauptbeschäftigung ist die Projektleitung bei Qibixx in Dübendorf.

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Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.