Warum steigen unsere Löhne nur noch wenig?

In vielen Ländern Europas und Nordamerikas steigen die Löhne nicht mehr so stark wie früher. Der technologische Wandel und die Globalisierung haben vielen Beschäftigten bislang zu wenige Vorteile gebracht.

8. März 2018 · Guido Baldi · Martina Pons

In den meisten entwickelten Volkswirtschaften sind die durchschnittlichen Reallöhne in den vergangenen Jahren nur verhalten gestiegen. Zudem hat die Ungleichheit der Einkommen vielerorts zugenommen. Auch die Schweiz kann sich diesem Trend nicht ganz entziehen; allerdings haben die realen Löhne hierzulande verhältnismässig stark zugelegt und die Ungleichheit hat sich weniger vergrössert als in anderen Ländern (1). Im Zuge der gedämpften Lohnentwicklung ist der Anteil des Faktors Arbeit am gesamten nationalen Einkommen in vielen Ländern gesunken (2). Gemäss Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erhielten die Beschäftigten in den 1970er Jahren vielerorts noch mehr als zwei Drittel des Gesamteinkommens einer Volkswirtschaft; seitdem ist dieser Anteil in vielen Ländern um fünf bis zehn Prozentpunkte gesunken (3). In Ländern wie den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Italien war der Rückgang des Arbeitsanteils besonders stark.

Angesichts des fortschreitenden technologischen Wandels und der Globalisierung ist das verhaltene Lohnwachstum paradox. Diese Entwicklungen sollten doch die Spezialisierung und Produktivität fördern und somit die Löhne erhöhen? Dies ist allerdings nur für einen Teil der Firmen und Beschäftigten zu beobachten. Sowohl der technologische Wandel als auch die Globalisierung begünstigen Firmen, die mit zunehmender Grösse produktiver werden - etwa im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien oder im Pharmasektor. Solche Firmen werden laufend produktiver und bringen kostenintensive Innovationen hervor. Angestellte in diesen technologisch führenden Firmen konnten kräftige Lohnsteigerungen verzeichnen. Im Rest der Wirtschaft wurde die Produktivität oft nur geringfügig gesteigert. Als Folge davon war das gesamtwirtschaftliche Lohnwachstum moderat und stieg in vielen Ländern die Ungleichheit der Einkommen (4).

Zu den Sektoren der Wirtschaft, die ein geringes Lohn- und Produktivitätswachstum erlebt haben, gehören etwa die Baubranche, der Gesundheitssektor und viele andere Dienstleistungsanbieter (5). In diesen Bereichen arbeiten nicht nur Beschäftigte mit niedriger Qualifikation, sondern auch Personen, die eine lange und anspruchsvolle Ausbildung hinter sich haben – Fachkräfte,  Ärzte/Ärztinnen, Juristen/Juristinnen, Geisteswissenschaftler*innen oder Betriebswirtschaftler*innen. Die oft gemachte Feststellung stimmt, dass es viele Länder versäumt haben, mit Investitionen in Bildung bzw. Weiterbildung ihre Bevölkerung auf den fortschreitenden technologischen Wandel vorzubereiten. Der Zugang zu neuem Wissen muss verbessert werden. Auch sind neue Formen der Weiterbildung, die auf die individuellen Bedürfnisse der Beschäftigten und Firmen zugeschnitten sind, enorm wichtig. Ebenso entscheidend wie Bildung ist aber, dass neue Technologien die beruflichen Fähigkeiten der Menschen in der Zukunft besser ergänzen als in der Vergangenheit und so die menschliche Arbeit angenehmer und produktiver machen. Auch als Folge des bisher niedrigen Produktivitätswachstums ist der Arbeitsdruck auf die Beschäftigten oft hoch. Dies verringert die Zufriedenheit mit dem Job, was wiederum die Kreativität und die Innovationsbereitschaft hemmt. Ein Teil der schwachen Produktivitätsentwicklung ist auch darauf zurückzuführen.

Die in vielen Ländern zu beobachtende gedämpfte und ungleiche Lohnentwicklung hat vielerorts zu einer stärkeren Polarisierung der Gesellschaft beigetragen und begünstigt extreme politische Positionen. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern und den sozialen Frieden zu erhalten ist es wichtig, dass möglichst viele Beschäftigte von den Vorteilen neuer Technologien profitieren und in den Genuss von kräftigeren Lohnsteigerungen kommen. Neben einer kontinuierlichen Verbesserung und Anpassung der Bildungssysteme an die Herausforderungen der digitalen Revolution wird es in der Zukunft vor allem wichtig sein, dass der technologische Wandel die bestehenden Fähigkeiten der Menschen besser ergänzt und ihre Produktivität steigert. Die gegenwärtig ablaufende technologische Revolution als eine Art Wettkampf zwischen Technologie und Menschen zu interpretieren, führt in eine Sackgasse. Einen solchen Wettkampf können die Menschen auch mit noch mehr Aus- und Weiterbildung nur verlieren. Neue Technologien sollten dazu da sein, das Leben und die Arbeit der Menschen angenehmer zu machen. Menschen sollten sich neue Technologien also dienlich machen.

 

Referenzen:
  1. Föllmi, Reto und Isabel Martínez: Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz; UBS Center Public Paper Series No. 6, 2017.

    Peters, Rudi: Steuerdaten zeigen schwaches Wachstum der mittleren Einkommen; Die Volkswirtschaft, 12/2017.

  2. Dao, Mai Chi, Mitali Das, Zsoka Koczan, and Weicheng Lian: Drivers of Declining Labor Share of Income, IMFBlog, 12. April 2017.

    International Monetary Fund: “World Economic Outlook, April 2017: Gaining Momentum?; Chapter 3: Understanding the Downward Trend in Labor Income Shares”, April 2017.

    Grossman, Gene, Elhanan Helpman, Ezra Oberfield, Thomas Sampson: The Productivity Slowdown and the Declining Labor Share: A Neoclassical Exploration, NBER Working Papers 23853, 2017.

  3. OECD: Unit Labour Costs - Annual Indicators : Labour Income Share Ratios. Abgerufen am 22. September, 2017, http://stats.oecd.org/Index.aspx?queryname=345&querytype=view#

  4. Andrews, Dan, Chiara Criscuolo, Peter N. Gal: Frontier Firms, Technology Diffusion and Public Policy: Micro Evidence from OECD Countries, OECD Productivity Working Papers 2, OECD Publishing, 2015.

    Andrews, Dan, Chiara Criscuolo, Peter N. Gal: The Best versus the Rest: The Global Productivity Slowdown, Divergence across Firms and the Role of Public Policy, OECD Productivity Working Papers 5, OECD Publishing, 2016.

    Autor, David, David Dorn, Lawrence F. Katz, Christina Patterson, John Van Reenen: The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms, NBER Working Papers 23396, 2017.

    Grossman, Gene, Elhanan Helpman, Ezra Oberfield, Thomas Sampson: The Productivity Slowdown and the Declining Labor Share: A Neoclassical Exploration, NBER Working Papers 23853, 2017.

  5. Dabla-Norris, Era, Si Guo, Vikram Haksar, Minsuk Kim, Kalpana Kochhar, Kevin Wiseman, Aleksandra Zdzienicka: The New Normal; A Sector-level Perspective on Productivity Trends in Advanced Economies, IMF Staff Discussion Notes 15/3, International Monetary Fund, 2015.

    Duarte, Margarida and Diego Restuccia: Relative Prices and Sectoral Productivity, Working Papers tecipa-591, University of Toronto, Department of Economics, 2017.

    The Economist: The construction industry’s productivity problem, 17. August 2017.

Autor*Innen

Guido Baldi (33) hat an der Universität Bern Volkswirtschaftslehre studiert und forscht nun an der Universität Bern und am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Bei reatch leitet er die Arbeitsgruppe Science&Economy. Die Gruppe untersucht in einem Schwerpunktprojekt die Zukunft der Arbeit.

Martina Pons ist Mitglied von reatch und studiert Wirtschaft an der Universität Bern.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.