Bei Nachhaltigkeit ist Intuition kein guter Ratgeber

Das Kartenspiel «Swiss Development Geek» testet Faktenwissen zu Nachhaltigkeit und Entwicklung – und zeigt, wie oft wir falschen Vorstellungen von der Welt aufsitzen.

12. Juni 2020 · Servan Grüninger

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Nachhaltigkeit – People, Planet and Profit unter verschiedenen Gesichtspunkten» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

Unsere Intuitionen über die Welt sind geprägt von unserer Schulbildung, unseren Erfahrungen im Alltag und unserem Medienkonsum – alles Quellen, die uns ein unvollständiges und oft verzerrtes Bild der Welt vermitteln. Denn vieles aus unserer Schulzeit ist längst überholt, unsere Alltagserlebnisse lassen sich nur selten verallgemeinern und die mediale Berichterstattung ist geprägt von spektakulären, aber kaum repräsentativen Ereignissen.

Kein Wunder also, dass wir bei Fragen zur globalen Entwicklung und zur Nachhaltigkeit oft falsch liegen – und zwar derart stark, dass selbst Schimpansen besser abschneiden. Denn: «Schimpansen schauen keine Nachrichten», wie es Dr. Hans Rosling, Professor für Internationale Gesundheit und Vorreiter einer faktenbasierten Analyse von Entwicklungsproblemen, einst formulierte. Unsere tierischen Verwandten wissen nichts über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und können so auch keine falschen Intuitionen aufbauen. Sie entscheiden zufällig, wohingegen wir uns bei vielen Fragen von unserer oft verzerrten Sicht der Dinge leiten lassen und damit häufig danebenliegen.

Diese Erfahrung haben auch die Teilnehmenden der Sommerakademie «People, Planet and Profit – Nachhaltigkeit unter verschiedenen Gesichtspunkten» gemacht. Unter der Leitung von Dr. Francesca Verones, Studienstiftungs-Alumna und Professorin an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens, und Dr. Jerylee Wilkes-Allemann von der ETH Zürich sind die Studierenden der Frage nachgegangen, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet und was es mit den Zielen der sogenannten «Sustainable Development Goals (SDGs)» auf sich hat.

Einen kurzweiligen und dennoch lehrreichen Einstieg ins Thema bot das Kartenspiel «Sustainable Development Geek», das vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten entwickelt wurde, um die 17 Ziele der SDGs fassbarer zu machen. Und so brüteten die Teilnehmenden der Sommerakademie eine gute Stunde über Fragen wie:

«Mehr Menschen sterben ...»

A) als Kind vor dem fünften Geburtstag.

B) als Mutter bei der Entbindung.

«Welcher Lebensraum war in den letzten 40 Jahren vom grössten Rückgang der Artenvielfalt betroffen?»

A) Die Tropenwälder

B) Die Süsswasserlebensräume

«Für welchen Energieträger werden weltweit am meisten Subventionen ausgerichtet?»

A) Fossile Energien

B) Erneuerbare Energien

Die Diskussionen, die dabei entstanden, drehten sich nicht allein darum, die richtige Antwort zu finden, sondern zeigten auch, dass sich hinter den scheinbar einfachen Fragen, komplexe Antworten verstecken. So mag es vergleichsweise einfach sein, die Sterblichkeit von Kindern unter 5 Jahren (43 auf 1000 Todesfälle) mit jener von Müttern bei der Entbindung (2 auf 1000 Todesfälle) zu vergleichen. Doch schon bei der Frage zum Rückgang der Artenvielfalt wird es kompliziert: Ist damit ein Rückgang in absoluten oder relativen Zahlen gemeint? Und wie wird die Artenvielfalt überhaupt gemessen? Auch die Frage zu den Energiesubventionen ist nicht leicht zu beantworten: Sind damit nur direkte Subventionszahlungen gemeint? Oder zählen Steuerermässigungen auch dazu? Und wie werden Subventionen für elektrische Fahrzeuge gezählt?

Kein Wunder, dass die Meinungen in der Gruppe bisweilen weit auseinandergingen, und die Intuitionen der Teilnehmenden nicht selten in die Irre führten. So sind es die fossilen Energieträger, die laut «Swiss Development Geek» weltweit mehr Subvention erhalten, und nicht, wie man angesichts der omnipräsenten Diskussion über Subventionen für Wind- und Sonnenenergie meinen könnte, die erneuerbaren Energieträger. Und der Artenverlust ist in relativer Hinsicht grösser in den Süsswasserlebensräumen als in den Tropenwäldern, obwohl die Rodung von Regenwäldern und das Aussterben von tropischen Tierarten medial viel mehr Präsenz erhält.

Auf jeden Fall blieben am Ende der Spielrunde mehr Fragen als Antworten übrig – beste Voraussetzungen für den Rest der Woche, um die eigene Intuition über Nachhaltigkeit kritisch zu prüfen und damit die Chance zu erhöhen, bei künftigen Fragen zu globaler Entwicklung und Nachhaltigkeit besser abzuschneiden als unsere nächsten tierischen Verwandten.

Den Originalbeitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*Innen

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von reatch. Er hat seinen Bachelor mit Politikwissenschaft und Recht begonnen und seinen Master mit Biostatistik und Computational Science beendet. Neben seiner akademischen Arbeit schreibt Servan seit mehreren Jahren für verschiedene deutschsprachige Medien im In- und Ausland. Für weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.