Der blinde Fleck der Energiewende

Energiesparen liegt im Trend. Die Energiepolitik setzt vor allem auf Eigenverantwortung. Ganz nach dem Motto: «Das Verhalten jedes Einzelnen beeinflusst das Klima». Wer dabei übersehen wird und was wir dagegen tun können.

13. Mai 2019 · Anna Suppa · Gabriela Muri

Am 1. Mai ist die vom Bundesamt für Energie BFE und Energie Schweiz initiierte Energy Challenge gestartet. Die landesweite Aktion fokussiert auf die Steigerung der Energieeffizienz und auf erneuerbare Energien. Ziel ist es, „Energie erlebbar zu machen und eine breite Bevölkerung anzuregen, auf spielerische Art Energie zu sparen“ (1). Dank des ungezwungenen Ansatzes sollen mit der Energy Challenge 2019 rund 30 Millionen kWh eingespart werden (2.).

Die Energy Challenge zeigt exemplarisch, wie im energiepolitischen Diskurs unterschiedliche Verhaltensweisen anvisiert werden, um den Energiekonsum zu reduzieren. Gemeinsam ist ihnen vor allem eines: sie sind auf die Eigenverantwortung der Nutzerinnen und Nutzer ausgerichtet. Haushalte nehmen in der Energiestrategie eine zentrale Rolle ein, da sie einen signifikanten Anteil des Energieverbrauchs ausmachen. Die hohen Energiekosten der Haushalte können verschiedene Gründe haben: der jeweilige Lebensstil der Betroffenen, eine energieineffiziente Ausstattung oder der energetische Gebäudezustand der Wohnräume.  Es überrascht deshalb nicht, dass unterschiedliche Massnahmen der Energiestrategie 2050 die Energieeffizienz der Haushalte und des Gebäudesektors verbessern wollen.

Die Anleitung zu energiebewusstem Handeln und die Maxime, dass Sparen im Kleinen den Klimawandel beeinflusst, verdeutlichen wie Energiepolitik – im In- und Ausland – für ein normatives Verständnis des Energiewendediskurses steht. Dabei geht jedoch etwas oft vergessen: ökonomische Ressourcen, technologisches Wissen zu energiesparenden Geräten oder die Möglichkeiten im Alltag Energie einzusparen, sind bei Personen in bestimmten Lebenslagen teilweise gering. So können Appelle zu einem energiebewussten Handeln im Alltag zum Beispiel bei Personen mit niedrigem Einkommen an vielem scheitern: an der Möglichkeit eine energetisch sanierte Wohnung zu finden, adäquate Geräte anzuschaffen, an den Grenzen der Gestaltbarkeit des Haushaltsbudgets usw. Ungenügende und energetisch ineffiziente Infrastruktur – Heizung, Geräte, Reparaturanfälligkeit – kann je nach Einkommen gar zu Verschuldungsmechanismen führen, indem höhere Nebenkosten anfallen, Geräte ersetzt oder Reparaturkosten bezahlt werden müssen.

Während im Ausland die sozialen Konsequenzen der Energiewende an Bedeutung gewinnen, stehen in der Schweiz die Auswirkungen energiepolitischer Massnahmen für Haushalte mit tiefen Einkommen kaum im Fokus politischer oder gesellschaftlicher Diskussionen. Ein Schlüsselbegriff stellt hier die Energiearmut als eigenständige Armutsdefinition dar. Der Begriff hat sich in der Schweiz bislang weder in wissenschaftlichen noch in politischen Debatten etabliert. Dies nicht zuletzt aufgrund der ungenügenden Datenlage zu Energieausgaben der betreffenden Haushalte. Von Energiearmut kann gesprochen werden, wenn bei Haushalten aufgrund unterschiedlicher Restriktionen die Verfügbarkeit von Energie nicht (durchgängig) gegeben ist und wenn ein hoher Anteil des Einkommens für den Bezug von Energie aufgewendet werden muss, um eine angemessene Wohnqualität zu erreichen. Die „klassische Energiearmutstrias wird in der Literatur als Zusammenspiel aus niedrigem Haushaltseinkommen, energieineffizienten Gebäuden sowie Haushaltsgeräten und hohen, beziehungsweise steigenden Energiekosten beschrieben“ (3). Armutsbetroffene oder -gefährdete wohnen häufig in sanierungsbedürftigen Wohnungen und sind  von baulichen Massnahmen, Wohnungswechseln oder ungenügenden Infrastrukturen  sowie nicht beeinflussbaren Energiekosten und deren finanziellen Folgen betroffen. Das zeigte eine vom Bundesamt für Wohnungswesen (BWO) finanzierte und vom Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe (IVGT) der ZHAW durchgeführte qualitative Studie zu den Themen Energiearmut und den Folgen energetischer Sanierungen (4). Die von Sanierungen betroffenen Haushalte müssen oft eine neue Wohnung suchen und können so kaum bis gar nicht von den gesunkenen Energiekosten profitieren (5). Können oder wollen Betroffene einen Wohnungswechsel nicht in Kauf nehmen, bleibt ihnen meist nur eines übrig: bei den Grundbedürfnissen wie beispielsweise beim Essen, den Kleiderausgaben oder im Bereich der Freizeit und Mobilität sparen. Ausserdem entwickeln Betroffene zur Einsparung von Energiekosten selektive Heiz- und Beleuchtungspraxen, indem sie beispielsweise einzelne Räume das ganze Jahr über nicht beheizen, technische Geräte wie den Computer als Lichtquelle verwenden oder das Geschirr nur kalt spülen (6). Dieser ausgeprägte Sinn für Selbstverantwortung und Selbstkontrolle würde Betroffene in einer Energy Challenge zu Vorreitern avancieren lassen. Prekär ist jedoch, dass armutsgefährdete oder armutsbetroffene Haushalte aufgrund des tiefen Einkommens trotz dieser hohen Eigenverantwortung nur über beschränkte Handlungsmöglichkeiten verfügen, um ihre Energiekosten effektiv zu reduzieren. Dieser Umstand kann sodann auch zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen.

Aktuell fehlen statistische Daten, die schweizweit eine Definition und Messung von Energiearmut oder eine Aufschlüsselung der Unterscheidung zwischen „energetischer“ und „gewöhnlicher“ Sanierung erlauben. Trotzdem wird anhand der durchgeführten Befragung mit Betroffenen und Experten (7) deutlich, dass in der aktuellen Energiepolitik ein blinder Fleck hinsichtlich sozialer Folgen besteht. Während in der Raumplanung und Stadtentwicklung Verbindungen zur Energiepolitik hergestellt werden, bestehen zwischen Energie- und Sozialpolitik bis anhin kaum Schnittstellen. Um eine sozial gerechtere Energiewende zu erreichen, bedarf es einer sektorübergreifenden Politik, die sich mit Themen wie den Verteilungseffekten durch Subventionen, Verdrängungsmechanismen durch (energetische) Sanierungen oder mietrechtlichen Regelungen auseinandersetzt. Gleichzeitig besteht auch Forschungs- und Handlungsbedarf, „indem Belege für sozialräumliche Effekte energetischer Sanierungen, den sozialen Wandel von Quartieren, Umzugspläne gefährdeter Haushalte empirisch systematisch erarbeitet werden“ (8).

 

Referenzen:

  1. https://energychallenge.ch/)
  2. Ebd.
  3. Anna Suppa, Gabriela Muri, Sonja Kubat, Isabelle Steiner: Eine qualitative Analyse über den Zusammenhang zwischen Einkommens- und Energiearmut und die Folgen energetischer Sanierungen für vulnerable Gruppen. Hg. vom Bundesamt für Wohnungswesen BWO. Grenchen 2019.
  4. ebd.
  5. Vgl. ebd.: 16-17
  6. Vgl. NELA sowie Suppa, Muri et al. 2019: 30-31
  7. Suppa, Muri et al. 2019: 57

Quellen:

Brunner, Karl-Michael, Spitzer, Markus und Anja Christanell (2011): NELA - nachhaltiger Energieverbrauch und Lebensstile in armen und armutsgefährdeten Haushalten: http://epub.wu.ac.at/3423/

Energie Challenge: https://energychallenge.ch

Suppa, Anna, Muri, Gabriela, Kubat, Sonja und Isabelle Steiner (2019): Zusammenhang zwischen Einkommens- und Energiearmut sowie die Folgen energetischer Sanierungen für vulnerable Gruppen. Eine qualitative Analyse. Bundesamt für Wohnungswesen BWO: https://www.bwo.admin.ch/bwo/de/home/wie-wir-wohnen/energie/publikationen-bwo/energiearmut.html

Autor*Innen

Anna Suppa, Sozialwissenschaftlerin M.A. und Sozialarbeiterin FH arbeitet im Bereich der Forschung, Lehre und Praxis. Themen wie Existenzsicherung, Stadtentwicklung und Sozialraum zählen zu ihren Schwerpunkten.

Gabriela Muri, PD Dr. phil., Dipl. Arch. ETH ist Privatdozentin an der Universität Zürich am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft. Sie arbeitet seit dreissig Jahren in Forschung, Praxis und Lehre zu den Themen Stadtentwicklung, Raum und Zeit, Kinder- und Jugendkulturen, in den letzten Jahren am Departement Soziale Arbeit/ZHAW sowie am Departement Architektur/ETH.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.