Die schöne neue Welt der Daten

Heutzutage lebt man zweimal – in der Realität und in der Digitalität. Diese neue Welt entsteht vor unseren Augen, doch die Datenmengen, auf denen sie basiert, sehen wir nicht.

6. Dez 2018 · Anna Knörr

Auch wenn wir sie nicht wahrnehmen können: Digitale Datenströme sind überall.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Digital Societies - Fluch oder Segen?» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

Ein schlichtes Bürogebäude. Dahinter eine Art Lagerhalle. 27 Billiarden Rechenoperationen (in Zahlen: 27'000'000'000'000'000) werden dort durchgeführt – pro Sekunde. So viel, wie ein handelsüblicher Laptop in einem ganzen Tag nicht schafft. Eine derart geballte Rechenleistung würde kein Passant hinter den Wänden des Hochleistungsrechenzentrums in Lugano (CSCS) vermuten. 

Das grösste Rechenzentrum Europas wird ausschliesslich zu Forschungszwecken genutzt. Andere Rechenzentren bilden hingegen die Basis für den alltäglichen Komfort von Handy-Apps, Online-Marktplätzen und Webmail-Diensten. Diese Anwendungen funktionieren nur deshalb, weil Rechenzentren im Hintergrund unablässig Informationen sammeln und verarbeiten. Doch kaum jemand scheint sich wirklich dafür zu interessieren, was hinter den Türen solcher Datenverarbeitungszentren abläuft.

Big Data bringt grosse Macht

Wieso aber sollten uns Computer und Rechenzentren mehr interessieren als andere Geräte unseres Alltags? Ausser Klempnern und Hobbyhandwerkerinnen weiss ja auch kaum jemand, wie eine Toilette genau funktioniert. Das stimmt, doch mit einer grossen Menge an Daten lässt sich um einiges mehr anfangen, als mit einem Reservoir von Abwasser. Je mehr Information durch wenige Suchmaschinen und soziale Medien kanalisiert und in den Händen der Besitzer von Rechenzentren konzentriert wird, desto stärker können diese unsere Entscheidungen im Internet und in der echten Welt beeinflussen. Mit jedem Klick erklären wir uns damit einverstanden.  

Natürlich sind politische Akteure und Unternehmen weniger an uns als Einzelpersonen, sondern an der grossen Masse interessiert. Denn erst durch Datensammlungen in grossem Massstab werden unsere Informationen interessant, nur so können aus «Big Data» Verhaltensmuster oder Meinungstendenzen herausgearbeitet und ausgenützt werden. Diese Tatsache machen sich die wenigsten bewusst,  wenn sie ihren Laptop aufklappen, bei Google eine Suchanfrage starten oder einen Kommentar auf Facebook teilen. Darum ist die «Ich habe nichts zu verheimlichen»-Mentalität so weit verbreitet. 

Zweifellos kann grossflächige Datensammlung und -analyse auch weitreichende Vorteile bringen, z.B. wenn wir dadurch Krankheiten besser verstehen und behandeln können. Und dass uns die Preisgabe unserer Daten auch einen bequemen Alltag verschafft, ist offensichtlich. Doch wie gut können wir die Vor- und Nachteile von grossen Datensammlungen abwägen, wenn wir nicht einmal ds «Sammelobjekt», also die Daten, verstehen, ja sie nicht einmal wahrnehmen können? 

Verstehen statt blindes Browsen

Um informierte Entscheidungen über die Verwendung unserer Daten zu treffen, haben wir ein grundlegendes Interesse, die Prozesse innerhalb eines Rechenzentrums zumindest grundlegend zu verstehen. Zuerst sollten wir damit beginnen, treffendere Begriffe zu verwenden. Nehmen wir den Begriff der «Cloud» als Beispiel. Viele verwenden ihn, um eine sehr bequeme Art der Datenspeicherung zu beschreiben. Wir nutzen sie, wenn wir Texte in GoogleDocs verfassen, ein Foto auf Facebook hochladen oder eine Webmail verschicken.

Doch das Wort «Cloud» verschleiert die Tatsache, dass diese Daten eben nicht irgendwo im Himmel herumschwirren, sondern an einem physischen Ort gespeichert sein müssen. Solange wir von «Wolken» statt von echten Orten sprechen, in denen wir unsere Informationen abspeichern, ist das mangelhafte Verständnis der digitalen Welt, insbesondere der Rechenzentren, wenig verwunderlich.

Als Produzenten der Daten können wir aber nicht länger passive Endverbraucher von Informationstechnologie bleiben. Aus diesem Grund sollten wir auch Möglichkeiten entwickeln, die Übertragung, Sammlung und Analyse von Daten greifbarer zu machen. Denn ohne physische und visuelle Anhaltspunkte ist es schwer für uns, über ein abstraktes Konzept wie «Daten» nachzudenken und es zu verstehen. 

Jung und Alt müssen sowohl in Schulen als auch durch Selbstinitiative lernen zu verstehen, was sie verwenden und welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Beginnen kann man mit grundlegenden Fakten, z.B. wie die binären Zahlen eigentlich in einem Computer dargestellt werden – nämlich durch das Ein- und Ausschalten von Schaltkreisen. 

Intuition gewinnen für digitale Prozesse

Wir alle – Unternehmerinnen und Politiker inklusive – müssen eine Intuition entwickeln für die digitale Welt. Wo sind meine Daten? Wie bin ich gerade mit der digitalen Welt verbunden? Solche Fragen müssen wir in Zukunft treffsicher beantworten können. Künstlerische Ideen wie die «Phantom Terrains» von Daniel Jones und Frank Swain sind erste Schritte in diese Richtung. Sie haben die unsichtbaren WLAN-Signale, die uns umströmen, in eine knisternde, piepsende und singende Audio-Landschaft umgewandelt.

WLAN steht für «Wireless Local Area Network». Hier werden die Daten über elektromagnetische Wellen verschickt. Diese liegen jedoch nicht in dem Bereich des elektromagnetischen Spektrums, den wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können. WLAN-Signale sind Radiowellen im Frequenzbereich von Mega- und GigaHertz, aber unsere Augen sind auf die TeraHertz-Wellen des sichtbaren Lichts abgestimmt. Das ist eine völlig andere Grössenordnung. Wenn wir das Internet benutzen, versenden wir also ständig Informationen, ohne es richtig zu merken. «Phantom Terrains» ermöglicht es, solche Informationsflüsse für den Menschen hör- und damit besser erfahrbar zu machen.

Auch Projekte in Anlehnung an die Arbeit von Neurobiologen wie David Eagleman sind vorstellbar. Sein Ziel ist es, die menschliche Wahrnehmung auszudehnen mithilfe von Sensoren in unserer Kleidung. Ursprünglich hat er einen Anzug namens VEST entwickelt, der Töne in haptische Signale umwandelt. So hat sein Team neue «Ohren» für taube Menschen geschaffen. Dieses Konzept könnte von Geräuschen auch auf digitale Datenströme übertragen werden. Dann könnten wir direkt mit unserem Körper das spüren, was wir derzeit im Internet nicht sehen. 
Egal, wie wir unser Verständnis für Daten und deren Verarbeitung verbessern – blindes Browsen ist  keine Lösung. Erst wenn wir einen intuitiven Zugang zur digitalen Realität finden, können wir die Vorteile dieser schönen neuen Welt wirklich geniessen. 

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*Innen

Anna Knörr ist Geförderte der Schweizerischen Studienstiftung und studiert Physik an der ETH Zürich.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.