Ein Lehrstück für die Wissenschaft

Wie man wirkungsvoll das Vertrauen in die Wissenschaften schwächt, konnte man dieser Tage anhand der Diskussion um die Stickoxid-Grenzwerte in Deutschland beispielhaft verfolgen. Um daraus zu lernen, lohnt es sich, den Fall genauer anzuschauen.

26. Feb 2019 · Anna-Katharina Ehlert

Lehrer Lämpel mahnt die Mäxe und Moritze der Wissenschaften zu mehr Verantwortung (Quelle: Wilhelm Busch via Wikimedia Commons).

Wie man wirkungsvoll das Vertrauen in die Wissenschaften schwächt, konnte man dieser Tage anhand der Diskussion um die Stickoxid-Grenzwerte in Deutschland beispielhaft verfolgen. Umweltbedingte Luftverschmutzung schade der Gesundheit kaum und für die geltenden Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte gäbe es deshalb gar keine wissenschaftliche Grundlage. Erarbeitet und vor allem medial effizient verbreitet hat diese These Dieter Köhler, Lungenarzt und Professor im Ruhestand.

Dass er dabei eine umfassende und solide Datenlage und damit den wissenschaftlichen Konsens ignoriert hat, ist eine Schande, wie «Die Zeit» richtigerweise schreibt. Köhler hat seine Autorität missbraucht. Denn: «Wäre er nicht der ‹Lungenarzt› und ‹Professor›, der er ist, wer hätte ihm dann schon zugehört. Die meisten Bürgerinnen und Bürger können nicht zwischen einem echten Experten und jemandem wie Köhler unterscheiden. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie sollten sich daher darauf verlassen können, dass Menschen, die einen Professorentitel tragen, sich der Verantwortung dieser Rolle bewusst sind – wie das meistens der Fall ist.» Dass sich nun herausgestellt hat, dass sich Köhler auch noch verrechnet hat, macht das Ganze vollends absurd.

Wie konnte es so weit kommen?

Der überwiegende Anteil an Wissenschaftler*innen arbeitet gewissenhaft und rechnet dreimal nach, bevor die Daten von Fachkollegen im Peer-Review-Verfahren geprüft und dann allenfalls publiziert werden. Und dennoch: Gerät eine schlecht gemachte Studie an die Öffentlichkeit, löst diese in erster Linie Verunsicherung aus und untergräbt damit die gesicherten Erkenntnisse seriöser Wissenschaftler*innen. Die Folge ist im schlimmsten Fall, dass den Wissenschaften generell misstraut wird, womit weder Wissenschaft noch Gesellschaft gedient ist. Wie aber konnte es in diesem Fall so weit kommen? 

Die wichtigsten Gründe sind folgende:

  • Köhler hat seine These in einer zweiseitigen Stellungnahme zusammengefasst, die nie in einem Fachmagazin publiziert wurde und somit kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat. 
  • Köhler warf seinen Fachkollegen Unwissenschaftlichkeit vor, hielt sich aber selber an keine wissenschaftlichen Standards bei seinen Aussagen.
  • Die Stellungnahme wurde von gut hundert Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin unterstützt. Die restlichen rund 3900 Mitglieder bzw. 97% aller Mitglieder haben die Stellungnahme hingegen nicht unterstützt. In der medialen Berichterstattung fand das kaum Erwähnung.
  • Als Journalisten bei den Unterstützern Köhlers nachhakten, stellte sich heraus, dass die grosse Mehrheit keine wissenschaftliche Publikation zum Thema vorweisen konnte und somit wohl auch nicht über Expertise in diesem Gebiet verfügte.
  • Das Deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in München veröffentlichte als Antwort auf Köhlers These ein Positionspapier – das dauerte aber eine Woche, was im digitalen Zeitalter einer Ewigkeit entspricht .
  • Die Geschichte wurde in den sozialen Medien hochgeschaukelt und fand so grosse und zunächst unwidersprochen Verbreitung.
  • Als Wissenschaftlerin oder Arzt ist man nicht zwingend geeignet oder gewillt dazu, in den Medien sein Fachwissen kundzutun – vielleicht erst recht nicht, wenn man damit einen Exponenten der eigenen Fachschaft öffentlich kritisiert. Köhler hat umgekehrt aber keine Hemmungen, seine Behauptungen immer wieder in die Medien zu tragen. Das führte – zumindest zu Beginn – zu einem Ungleichgewicht in der Berichterstattung. 
  • Als Köhler damit konfrontiert wurde, dass er sich verrechnet hatte, reagierte er statt mit einer Entschuldigung und Richtigstellung mit einem merkwürdigen Rechtfertigungsversuch. Er hielt also an seinen Behauptungen fest, obwohl ihm von verschiedenen Seiten nachgewiesen wurde, dass sie falsch waren.
Was lässt sich gegen solche Entwicklungen tun?

Damit manche Fachbereiche oder gar die Wissenschaft als Ganzes nicht unnötig in Verruf geraten, ist es unabdingbar, dass Forschende vertrauenswürdig und verantwortungsvoll arbeiten. Nur so kann eine wissenschaftsfreundliche Kultur bestehen, in der zwischen den Wissenschaften und anderen Teilen der Gesellschaft ein fruchtbarer Austausch stattfindet. Nur dann können Wissenschaft und Gesellschaft sich auf Augenhöhe begegnen und an einem Strang ziehen, um gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu begegnen. Dafür setzt sich reatch ein – und setzt dabei auf ein vielseitiges Engagement:

  • reatch bietet jungen Wissenschaftler*innen mittels verschiedenster Formate die Möglichkeit, die eigene Forschung einem breiteren Publikum vorzustellen. So fördern wir einerseits Kompetenzen von Exponent*innen aus der Forschung, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören. Andererseits erhalten Fachfremde so Einblicke in neueste Entwicklungen unterschiedlichster Fachbereiche und beschäftigen sich gleichzeitig damit, wie seriöse Wissenschaft funktioniert. 
  • reatch organisiert Kurse und Trainings, die Nachwuchsforschenden das Rüstzeug an die Hand geben, um den Balanceakt zwischen ethischen und sozialen Bestrebungen und wissenschaftlichen Standpunkten zu meistern. Denn verantwortungsvolle Wissenschaft ist viel mehr als methodisch einwandfreie Arbeit – sie erfordert auch eine Gespür für gesamtgesellschaftliche Anliegen. 
  • reatch organisiert Medientrainings und Kurse für Forschende, in denen vermittelt wird, wie wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und spannend transportiert werden können und wie der Austausch mit anderen Teilen der Gesellschaft auf Augenhöhe funktionieren kann. Sich derartige Kenntnisse anzueignen, hat während der fachlichen Ausbildung oft keinen Platz; aber auch Forschende die nicht im Rampenlicht stehen, profitieren davon, sich damit auseinanderzusetzen - jeder und jede ist Teil der Gesellschaft. 
  • Podien, Ausstellungen und Workshops, die reatch zu unterschiedlichen Schwerpunkten durchführt, laden Menschen dazu ein, sich mit wissenschaftlichen Themen zu befassen und sich mit Wissenschaftler*innen zu unterhalten. 
  • reatch ist den Grundsätzen der Wissenschaft verpflichtet und wendet diese bei eigenen Formaten, Artikeln usw. an, um eine glaubwürdige Plattform für die Analyse wissenschaftlicher Erkenntnisse aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive bieten zu können. Indem diese Werte stets transparent kommuniziert und bekräftigt werden, trägt reatch einerseits dazu bei, diese in allen Teilen der Gesellschaft – natürlich auch in den Köpfen der Forschenden – präsent zu halten. Eine klare Vorstellung davon zu haben, welche Hürden seriöse Wissenschaftler*innen nehmen müssen, um ihre Arbeit korrekt auszuführen und zu publizieren, begünstigt auch das Einordnen von Standpunkten, die eben nicht auf wissenschaftlichen Grundsätzen beruhen. 
  • reatch bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse auf und macht diese mittels Fachartikeln auf dem eigenen Blog sowie in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften der Öffentlichkeit zugänglich. Zusätzlich unterstützen wir Institutionen und Politik mit transdisziplinären, multiperspektivischen Inhalten und bereichern so die politische Debatte mit unabhängiger Expertise. Gemeinsam mit Entscheidungsträgern entwickeln wir Möglichkeiten für eine effektive und verantwortungsvolle Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

All diese Massnahmen sorgen dafür, dass Forschende klarer und effektiver kommunizieren lernen und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung besser bewusst werden. Umgekehrt werden damit auch die Fähigkeiten von Laien gefördert, verlässliche von unzuverlässiger Wissenschaft zu unterscheiden, um sich im Wissenschaftsdschungel besser zurechtzufinden.

Zu den oben genannten Grundsätzen der Wissenschaft gehört auch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse selten absolut und endgültig sind. Wo neue Erkenntnisse bestehendes Wissen ersetzen, gehören hitzige Debatten dazu. Aber damit eine Debatte zielführend und konstruktiv verläuft, müssen sich alle Beteiligten an überprüfbaren Fakten orientieren und basierend darauf ihre Urteile bilden. Behauptungen, Übertreibungen und bewusste Verzerrungen haben dabei keinen Platz. Erst wenn alle Teile der Gesellschaft und die Wissenschaft diese Grundsätze verinnerlicht haben und auch danach handeln, kann reatch es Dieter Köhler gleichtun und ebenfalls in den Ruhestand treten.

Autor*Innen

Anna-Katharina Ehlert ist Co-Leiterin Kommunikation von reatch. Sie hat an der ETH Zürich Lebensmittelwissenschaften und Mikrobiologie/Immunologie studiert. Danach arbeitete sie mehrere Jahre im Journalismus und als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zurzeit ist sie als Associate Scientist und Application Specialist bei einem Biotech-Startup tätig.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.