Frauen- und Männerhirne: Es ist kompliziert.

Ein «typisches» Männer- oder Frauengehirn gibt es nicht – trotz anatomischer und funktioneller Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern. In den meisten Fällen ist es nämlich unklar, ob und wie diese Unterschiede das Verhalten von Männern und Frauen beeinflussen.

13. Aug 2015 · Servan Grüninger

Illustration: AnonMoos via Wikimedia Commons

Mein Gehirn ist weiblich. Zumindest laut diesem Online-Test. Ich sei deshalb «intuitiv, einfühlsam und kommunikativ». Ganz im Gegensatz zu meinen «männlich» denkenden Freunden (und Freundinnen?). Diese würden sich nämlich durch eine «rationale, entscheidungsstarke und faktenbasierte» Denkweise auszeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

Ist es aber nicht.

Klischees über Männer- und Frauenhirne halten sich trotzdem hartnäckig. Wir begegnen ihnen auf Single-Börsen (selbst auf jenen, welche sich an «Akademiker und Singles mit Niveau» richten); sie bevölkern Frauen- und Männermagazine; und sie bieten den Nährboden für ins Kraut schiessende Beziehungsratgeber und laienpsychologische Selbsthilfebücher.

Die Unterschiede

Keine Frage: Männliche und weibliche Gehirne unterscheiden sich in verschiedener Hinsicht – begonnen bei genetischen Merkmalen (männliche Hirnzellen besitzen ein X- und ein Y-Chromosom, weibliche hingegen zwei X-Chromosomen) über die Regulierung des Hormonhaushalts bis hin zu Hirnanatomie und -aktivität.

Viele dieser Unterschiede haben – wenig überraschend – mit den Seuxualorganen und der Fortpflanzung zu tun. So verändert eine Schwangerschaft die Hirnfunktion und -struktur. Dass dies nur bei Frauen geschieht, sollte dabei ebenso klar sein wie die Tatsache, dass der Menstruationszyklus keinen Einfluss auf Männergehirne hat.

Ob und wie diese Unterschiede komplexere Verhaltensweisen beeinflussen, ist aber ebenso unklar wie die Bedeutung all jener geschlechterbezogenen Besonderheiten, welche dank Methoden wie der funktionellen Magnetresonanztomographie entdeckt wurden.

Nachzuweisen, dass die Gehirne von Männer und Frauen unterschiedlich vernetzt sind, ist eine Sache. Die seriöse Interpretation solcher Ergebnisse eine ganz andere.

Vorsicht vor Spekulation

Leider tendieren viele Medien – aber auch einige Forscher – dazu, die vorhandenen Unterschiede aufzubauschen oder ihnen mehr Bedeutung zuzuweisen, als aufgrund der vorhandenen Daten zulässig ist.

Das gilt in besonderem Masse für all jene psychische Krankheiten, bei welchen das Geschlecht eine Rolle zu spielen scheint. Ja, Männer sind häufiger von Autismus betroffen als Frauen. Nun aber die Hypothese aufzustellen, dass die Krankheit lediglich eine «extreme Form einer typisch männlichen Gehirnentwicklung» ist, scheint mir ausgesprochen gewagt.

Bei der Interpretation der neurobiologischen Eigenheiten von Männern und Frauen sollten wir uns deshalb immer die folgenden vier Punkte vor Augen führen.

1) Durchschnitte täuschen 

Bei den meisten Unterschieden handelt es sich um Durchschnittswerte – d.h. die Ergebnisse sind statistischer Natur und gelten nicht absolut. Selbst wenn Frauen in einem bestimmten Hirnbereich andere Aktivitätsmuster oder anatomische Strukturen als Männer aufweisen, heisst das nicht, dass dies für jede Frau gilt.

So haben Männer im Schnitt grössere Gehirne als Frauen. Das ändert aber nichts daran, dass 15 bis 20% der Frauengehirne die Grösse eines Männergehirns besitzen – und dass ungefähr ebenso viele Männergehirne grössenmässig einem Frauengehirn entsprechen. Mit anderen Worten: Die Verteilung der Hirngrössen von Frauen und jene von Männern überlappen im Rahmen von ungefähr 15-20%. 

2) Unterschied im Gehirn ≠ Unterschied im Verhalten

Beim Schach können völlig unterschiedliche Voraussetzungen zum gleichen Endergebnis führen. So kann ich den gegnerischen König sowohl mit einem Turm und Läufer als auch mit einer Dame und einem Springer matt setzen – ich muss dazu nur zwei unterschiedliche Strategien verfolgen.

Und wenn die genetischen oder hormonellen Schachfiguren der Geschlechter voneinander abweichen, dann muss das nicht zwangsläufig zu Unterschieden im Verhalten führen. So gibt es Hinweise, dass gewisse geschlechtsspezifische Hirnfunktionen dazu dienen, genetische oder hormonelle Unterschiede zwischen Mann und Frau aktiv auszugleichen - sodass sich am Ende beide Geschlechter ähnlich verhalten.

3) Das Gehirn ist nicht «fest verdrahtet»

Unser Gehirn verändert sich ständig und passt sich an die Herausforderungen in unserer Umgebung an – das macht es zusätzlich schwierig, allfällige Eigenheiten in Hirnaktivität und Hirnanatomie zu deuten.

So unterscheiden sich beispielsweise die Gehirne von Musikern und Nicht-Musikern. Doch diese Unterschiede sind nicht «fest verdrahtet», sondern Ausdruck davon, dass der Musiker und der Nicht-Musiker ihr Gehirn unterschiedlich benutzen. Auch das Gehirn einer Mathematikerin wird sich von dem einer Germanistin unterscheiden, während die grauen Zellen eines Kunststudenten andere Fertigkeiten entwickeln als jene eines Juristen.

Und da unsere Gesellschaft in vielen Bereichen eine immer noch starke Rollenteilung kennt, werden sich die damit einhergehenden Unterschiede im Verhalten wohl auch in der Struktur unserer Gehirne niederschlagen.

4) Gene, Hormone und Verhalten beeinflussen sich gegenseitig

Der Einfluss der Gene auf unser Gehirn (bzw. auf unseren Körper im Allgemeinen) wird oft als statisch und unveränderlich betrachtet. Doch die Aktivität der Gene ändert sich im Verlauf unseres Lebens; sie wird bestimmt von Umwelteinflüssen, Hormonen und unserem eigenen Verhalten. Umgekehrt ist unser Verhalten das Ergebnis kultureller Regeln, hormoneller Einflüsse und genetischer Vererbung.

Hinzu kommt, dass das Hirn auf ein und denselben Stimulus völlig unterschiedlich reagieren kann – abhängig davon, zu welchem Zeitpunkt der Stimulus bei welcher Person und auf welchen Hirnbereich wirkt.

Die Genaktivität im Mutterleib unterscheidet sich von jener in der Kindheit oder im Erwachsenenalter. Die Auswirkungen von Stress sind von der jeweiligen Tagesform, der Art des stressigen Ereignisses und den Veranlagungen der gestressten Person abhängig. Und die Wirkung eines Hormons hängt stark vom Zelltyp und dem Zusammenspiel mit anderen Molekülen in unserem Körper ab. So gibt es Hinweise, dass die Östrogene, welche gemeinhin als «typisch weibliche» Hormone gelten, im Mutterleib einen «vermännlichenden» Einfluss auf die Hirnentwicklung ausüben.

Fazit

Ja, die Gehirne von Männern und Frauen sind verschieden, aber die Ursachen hierfür sind komplex, die Zusammenhänge unzureichend erforscht und der Einfluss auf das Verhalten meist unklar.

Schlagzeilen wie «Der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauen existiert nicht im Gehirn» sind deshalb ebenso falsch wie «Kleiner Unterschied, im Gehirn ganz gross: Frauen denken quer»

Was sich aber mit Sicherheit sagen lässt: Jene Unterschiede, die zwischen Männern und Frauen bestehen, haben rein gar nichts mit der plumpen Unterteilung in «rationale» Männer- und «intuitive» Frauengehirne zu tun. Diese Behauptungen sollten wir schleunigst ins Land der Mythen verbannen – oder uns einfach darüber lustig machen.

Weitere Informationen: Wer sich tiefer in das Thema einlesen möchte, findet hier, hier, hier, hier, hier und hier zusätzlichen Lesestoff.

Dieser Artikel ist am 13. August 2015  im Science-Blog von NZZ Campus erschienen.

Autor*Innen

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von reatch. Er hat seinen Bachelor mit Politikwissenschaft und Recht begonnen und seinen Master mit Biostatistik und Computational Science beendet. Neben seiner akademischen Arbeit schreibt Servan seit fünf Jahren für verschiedene deutschsprachige Medien im In- und Ausland. Für weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.