Klimaschutzgegner sind viel präsenter in den US-Medien

Wer gegen Klimaschutzmassnahmen ist und über grosse Wirtschaftsmacht verfügt, hat gute Karten, in öffentlichen Debatten zu Wort zu kommen. Zumindest in den USA.

24. Sept 2020 · Katrin Schregenberger

Dieser Artikel ist am 28. Juli 2020 im Magazin higgs erschienen.

Wer hat das Sagen in öffentlichen Debatten? Und wem bieten die Medien öfter eine Bühne? Dies hat die Forscherin Rachel Wetts am Beispiel der Klimadebatte in den USA untersucht und fand heraus: Gegner von Klimaschutzmassnahmen sind doppelt so präsent wie Befürworter. Und: Wirtschaftszweige, die als systemrelevant gelten, prägen die Klimadebatte überproportional. Diese Resultate wurden nun in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht.

Die Soziologin der amerikanischen Brown University analysierte hierfür rund 35 000 Medienberichte von drei nationalen amerikanischen Zeitungen. Bei den Zeitungen handelte es sich um die liberale New York Times, das konservative Wall Street Journal und USA Today, die auflagenstärkste Zeitung des Landes, die teilweise gratis ausgeliefert wird. Alle untersuchten Artikel drehten sich um den Klimawandel und erschienen zwischen 1985 und 2014. Über eine Plagiatserkennungs-Software glich die Forscherin die Artikel mit rund 1700 Medienmittelungen von Unternehmen, der Regierung und Aktivistenorganisationen ab. So fand sie heraus, welche Medienmitteilungen am häufigsten aufgegriffen wurden.

Gegner überrepräsentiert

Dabei zeigte sich, dass Mitteilungen, welche gegen Klimaschutz argumentieren, doppelt so häufig zitiert wurden wie Mitteilungen, die für Klimaschutz warben – und dies unabhängig von der politischen Leitlinie der Zeitung: 14 Prozent der Medienmitteilungen der Klimaschutzgegner wurden aufgegriffen, aber nur 7 Prozent der Mitteilungen der Befürworter. Und das, obwohl die Anzahl der Medienmittelungen, welche gegen Schutzmassnahmen plädieren, viel kleiner ist: In der Stichprobe machen sie nur 10 Prozent aller Pressemitteilungen aus. Die Autorin führt dies, basierend auf vorheriger Forschung, auf das Gebot der journalistischen Objektivität zurück: Medienschaffende geben im Sinne der ausgeglichenen Berichterstattung beiden Seiten einer Debatte gleich viel Gewicht. So soll die journalistische Neutralität gewahrt werden. Im Fall der Klimadebatte führe dies allerdings zu einer Überrepräsentation der Gegner von Klimaschutzmassnahmen.

Ebenfalls überproportional vertreten sind die Zitate von Mitteilungen, welche von sehr grossen Unternehmenszweigen oder Wirtschaftsverbänden stammen. Rund 16 Prozent der Pressemitteilungen von Wirtschaftsorganisationen werden in den Medien erwähnt – von anderen Organisationen sind es im Schnitt nur neun Prozent. Dies stützt die These, dass Industrien, welche makroökonomisch als zentral für das Funktionieren der Wirtschaft angesehen werden, die öffentliche Debatte überproportional prägen können.

Wissenschaftliche Expertise geht unter

Keine relevante Rolle für den Einfluss auf die öffentliche Debatte spielt hingegen die Fachexpertise. So erhalten wissenschaftspolitische Organisationen, wie zum Beispiel die American Academy of Arts & Sciences, weit weniger Beachtung: Nur rund drei Prozent ihrer Medienmitteilungen werden zitiert – im Vergleich zu den durchschnittlich zehn Prozent aller Organisationen insgesamt.

Gerade wenn es um den Klimawandel geht, haben wirtschaftliche Interessen also oft mehr Gewicht in der öffentlichen Debatte als wissenschaftliche Evidenz.

 

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Autor*Innen

Katrin Schregenberger ist Leitende Redaktorin beim Wissenschaftsmagazin higgs. Ihr Credo als Journalistin: Sag’s einfach so, dass es jeder versteht. Sie ist Historikerin und hat sich ihre journalistischen Sporen während sechs Jahren bei der Neuen Zürcher Zeitung sowie als Reporterin in Myanmar verdient.

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