Persönlichkeitsstärkung

Wieso werden wir durch die Schule nur in unseren kognitiven Kompetenzen systematisch und professionell gefördert?, fragte sich Christian Roduner, der Drittplatzierte des reatch-Ideenwettbewerbs. Sein Vorschlag: ein elektronisches Lehrmittel, das professionell und systematisch die emotionalen und sozialen Kompetenzen der Lernenden entwickelt.

16. Dez 2020 · Christian Roduner

Unter dem Motto "Mit den Wissenschaften Krisen meistern, bevor sie entstehen" rief reatch auf zum grossen Ideenwettbewerb 2020. Über 30 kreative Ideen sind zusammengekommen.
Fünf davon haben wir fürs Finale am 24. Oktober ausgewählt. Vier der fünf Finalist*innen stellen wir in den kommenden Wochen auf unserem Blog vor.
 
   Christian Roduner ist mit seiner Idee auf Platz 3 gelandet. Er möchte, dass die Schulen nicht nur kognitive Kompetenzen lehrt, sondern auch emotionale und soziale Kompetenzen systematisch und professionell entwickelt werden. 
 

 

 

Wieso werden wir durch die Schule nur in unseren kognitiven Kompetenzen systematisch und professionell gefördert? Derweil sind wir in der Entfaltung unserer emotionalen und sozialen Kompetenzen weitgehend unseren Eltern und uns selbst überlassen. Es gibt keine Institution, die uns darin fördert. Während manche von ihren Eltern einiges vorgelebt bekommen und ihre emotionalen und sozialen Kompetenzen anschliessend selbst weiterentwickeln können, lernen andere nicht mal Kritikfähigkeit, was für ein selbstständiges Vorwärtskommen in der eigenen emotionalen und sozialen Entwicklung essentiell wäre. Doch auch eine gute selbstständige Entwicklung bleibt unprofessionell, unsystematisch und ineffizient. Daher sollten wir eine systematische und professionelle Stärkung unserer Persönlichkeit entwickeln und implementieren. Für die Lösung der anstehenden Probleme brauchen wir kompetente, konstruktive und einfühlsame Menschen. Zudem lernen wir so, unsere Freiheiten mehr auszuschöpfen, aber auch verantwortungsvoller mit ihnen umzugehen. Statt uns zu segregieren und uns gegenseitig in Auseinandersetzungen zu blockieren, gelingt uns ein konstruktives Miteinander und Füreinander.

Was ist das Problem heute, wieso führt es morgen zur Krise?

Seit 1945 hat sich der Wohlstand in der Schweiz verfünffacht. Dieses Wachstum hat sich aber in den letzten Jahrzehnten verlangsamt. Wenn man bedenkt, dass es innerhalb der Schweizer Gesellschaft neben Aufsteiger*innen immer auch Absteiger*innen gibt, dann wird klar, dass bei einem verlangsamten gesamtgesellschaftlichen Wohlstandswachstum die Anzahl Absteiger*innen innerhalb der Gesellschaft zunimmt. Zudem wächst die Einkommensschere. Die Unzufriedenheit wächst, die Angst, eines Tages zu den Verlierern zu gehören, ebenfalls.

Nebst hohem Wohlstand zeichnen die Schweiz auch besonders viele politische Mitbestimmungsrechte aus, die dank Bevölkerungswachstum und Kommunikationstechnologien immer leichter wahrgenommen werden können. Auch im Konsumbereich haben wir so viele Wahlmöglichkeiten wie noch nie. Unsere Ansprüche wachsen mit ihnen, sie wachsen sich zu einer Anspruchshaltung aus. Gleichzeitig überfordern die immerzu wachsenden Optionen immer mehr Menschen. Die Angst, etwas zu verpassen und ungeschickt zu konsumieren, greift um sich.

Weiter geben uns der freie Personenverkehr, die immer schnelleren und günstigeren Mobilitätstechnologien und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Zugang zu neuen Welten und Weltbildern, zu vielen Menschen und Menschenbildern. Diese technischen Entwicklungen geben uns einerseits viel Freiheit, nehmen uns aber auch die Verantwortung mit den geografisch nächsten Leuten auszukommen. So wählen wir frei unseren Wohnort, arbeiten an einem anderen, sind in unserer Freizeit auch oft unterwegs und haben unsere Freunde überall verstreut, weil wir Gleichgesinnte unseren Nachbarn vorziehen. Dank der digitalen Mobilität finden wir solch Gleichgesinnte leicht und können uns problemlos über Distanzen hinweg mit ihnen koordinieren. Es wird immer leichter, zwischenmenschlichen Problemen auszuweichen, indem wir uns einfach andere Kontakte suchen. Gesellschaftliche Gruppen entflechten sich. Parallelgesellschaften ersetzen das Miteinander, das Misstrauen zwischen ihnen wächst und äussert sich immer mehr in Hass und Verachtung - etwa in Internetforen oder der Politik. Immer mehr entsteht ein «wir und die anderen». Diese anderen werden als Bedrohung wahrgenommen oder gar bekämpft.

Wie können Wissenschaften helfen, dieses Problem zu beheben?

Starke Persönlichkeiten, also ausgeglichene und gut integrierte Personen sind nicht unzufrieden, ängstlich, überfordert, anspruchsvoll oder segregiert. Viel eher sind sie dankbar, zuversichtlich, belastbar, bescheiden und gut integriert. Sie leben nicht Hass und Häme, sondern Zuspruch und Mitgefühl. Sie bekämpfen nicht einander, sondern vertrauen einander und ringen zusammen um Lösungen. Sie orientieren ihre Ansichten mehr an Fakten als an Bestätigung [1]. Die Wissenschaften sind nun gefragt, herauszufinden, wie wir möglichst vielen Menschen zu ihrer vollen Stärke verhelfen.

Welche konkreten Veränderungen braucht es dazu in Politik und Gesellschaft?

Die Aufklärung hat uns gelehrt, uns unseres Verstandes zu bedienen. Nun braucht es eine zweite Aufklärung, die uns lehrt, uns unserer Gefühle zu bedienen. Wir müssen also in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht nur systematische und professionelle kognitive Bildung enorm wertvoll ist, sondern dass in der systematischen und professionellen Ausbildung unserer emotionalen und sozialen Kompetenzen sowie unserer Persönlichkeit ein riesiges Potenzial brach liegt.

Als Top-down-Ansatz scheint mir die Lancierung einer Volksinitiative zur Verankerung eines Menschenrechts auf Persönlichkeitsentfaltung in unserer Bundesverfassung [2] geeignet. Damit könnte eine breite Diskussion zum Thema angestossen und ein Bewusstsein für das ungenutzte Potenzial geschaffen oder evtl. sogar rechtlich verwirklicht werden.

Als vielversprechenden Bottom-up-Ansatz sehe ich die Lancierung eines elektronischen Lehrmittels, das die Persönlichkeit der Lernenden systematisch und professionell stärkt und in seinen Vorteilen derart besticht, dass Lehrpersonen, Lernende und Eltern es von sich aus anwenden wollen.

  1. Indem das Lehrmittel Fachinhalte konsequent in die persönlichen Lebenswelten der Lernenden überführt und mit ihren persönlichen Lebensfragestellungen verknüpft [3], schafft es Betroffenheit, die das Interesse weckt und motiviert. Die Lernenden können Erkenntnisse aus dem persönlichen Alltag auf den Lehrplanstoff transferieren. So lernen sie den Lehrplanstoff leichter und nachhaltiger. Umgekehrt gewinnen sie auch anhand des Lehrplanstoffs neue Erkenntnisse für das eigene Leben, die sich auch praktisch einüben lassen in Persönlichkeitstrainings, Theater und Spielen. Damit wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern die Persönlichkeit der Lernenden gestärkt. Diese erleben die Lehrperson als um ihr Wohlergehen bemüht, was die Verbindlichkeit erhöht und das Lernklima fördert. Es bräuchte nicht mal ein eigenes Fach Persönlichkeitsbildung, das politisch sowieso schwierig einzuführen wäre.
  2. Heute bereiten die meisten Lehrpersonen ihre Lektionen immer noch in aufwändiger Einzelarbeit vor. Eine riesige Ressourcenverschwendung! Würden sie sich zusammentun könnten sie nicht nur sehr viel Aufwand sparen, sondern auch inhaltlich und didaktisch höchste Qualität erreichen, vor allem wenn sie noch Experten aus Forschung und Praxis miteinbeziehen. Das möchte ich in der Entwicklung des elektronischen Lehrmittels tun. Hierfür bin ich gerade in der Teambildung und suche noch interessierte Psychologen, Lehrpersonen aus allen Fächern und Fachleute aus Forschung und Praxis aller Fachthemen.
  3. Immer mehr Klassen sind mit Laptops ausgerüstet. Bisherige Lernplattformen und -programme bieten entweder gute Inhalte oder eine gute didaktische Einsetzbarkeit, nicht aber beides zusammen. Viele Lehrpersonen sind von der Vielfalt an in der Lehre einsetzbaren Programmen überfordert. Die Lehrperson muss sich technisch einarbeiten, aber auch das didaktische Potenzial des Programms erkennen, umsetzen und damit neue Lektionen vorbereiten. Eine riesige Erleichterung wäre eine einzige Plattform, professionell erstellt, die der Lehrperson all diese Arbeiten abnimmt, ihr attraktive Inhalte, verschiedene inhaltliche und didaktische Optionen anbietet und sie durch einen elektronischen Tutor sowohl inhaltlich als auch planerisch durch den Lektionserstellungsprozess begleitet und unterstützt. Damit liessen sich Präsenzunterricht und Distant Learning in einem organisieren, Einzelarbeiten, Gruppenarbeiten und soziales Lernen in der Klasse abbilden, externe Applikationen zur Ergänzung einbinden etc. Hierfür suche ich Informatiker und Didaktiker mit E-Learning-Erfahrung.
  4. Die Schule funktioniert immer noch grösstenteils so, dass die Lehrperson den Lernenden Aufgaben gibt, die diese zu erfüllen haben und dafür eine Note erhalten. Die Lernenden erleben das als «etwas für die Lehrperson tun, um zu bestehen». Diese Aufgaben sind normalerweise sehr theoretisch und praxisfern. Stattdessen möchte ich die Lernenden ihre eigenen Projektideen zum Thema entwickeln lassen, die ein konkretes Produkt zum Ziel haben. Eigene Ideen motivieren viel mehr als Aufträge. Das Lernen gewinnt so subjektiv an Sinn, da es zur Erstellung des eigenen Produktes beiträgt. Die Lernenden müssen die Lerninhalte interdisziplinär verknüpfen und konsequent in die konkrete Praxis überführen. Zudem kann jeder in seinem eigenen Tempo arbeiten. Dadurch wird das Lernen lebensnaher und viel nachhaltiger. Wird das Projekt in der Gruppe gemacht, findet auch viel soziales Lernen statt und die Sozialkompetenz wird gestärkt. Am Schluss können die Lernenden sich sogar mit den Projekten in der Wirtschaft bewerben, statt nur eine Notenliste vorzuweisen. Dazu kann ich Kontakte zu Personalverantwortlichen gut gebrauchen.

Die Schule ist aber nicht der einzige Lernort eines Kindes oder Jugendlichen. Am meisten passiert zu Hause. Die Eltern haben allerdings keine Ausbildung im Elternsein. Immerhin bieten die Pro Juventute, Kinder- und Jugendpsychologische Dienste der Bezirke und andere Organisationen schon gewisse Unterstützung an. Sie könnten in einem Joint Venture Elternkurse und -beratungen auf-/ausbauen zu einer professionellen Elternbegleitung über die ganze Elternschaft. Wenn der Bund und die Kantone sie finanzieren, können sie für alle zugänglich gemacht werden. Die Eltern würden darin unterstützt, die gröbsten Erziehungsfehler zu vermeiden und ihr Kind in seiner Persönlichkeit zu stärken. Ähnlich müsste die Ausbildung von Erzieher*innen, die z.B. in Krippen arbeiten, erweitert werden. Sie begleiten die Kinder in den für die Persönlichkeitsausbildung prägendsten Jahren professionell.

Der Bund sollte auch den Zugang zu psychologischer Unterstützung erleichtern, indem er die Ausbildung von Psycholog*innen fördert und Therapiesitzungen stark vergünstigt. Er müsste die Angebote über die ganze Lebensspanne hinweg koordinieren und optimieren, sodass jede*r Bewohner*in der Schweiz über ihr/sein ganzes Leben hin optimal in ihrem/seinem Potenzial gefördert werden kann.

Welche Akteure und Organisationen müssen dabei mithelfen?

Die Erforschung der systematischen und professionellen Persönlichkeitsstärkung ist die Kernkompetenz der Positiven Psychologie und der Positive Education.

Weiter sollten meiner Meinung nach folgende Vertreter*innen eingebunden werden:

Wirtschaftsverbände sind an verantwortungsvollen, sozialkompetenten, integren und unternehmerischen Arbeitskräften interessiert. Sie wären geeignete Partner, um die Fortführung der Persönlichkeitsstärkung über die Erstausbildung hinaus zu garantieren.

Die Schulen, die durch die neuen Medien in der Stoffvermittlung konkurrenziert werden, finden in der Persönlichkeitsstärkung eine Marktlücke, die den Präsenzunterricht im Klassenverband benötigt und ihm Sinn verleiht. Und die Arbeit der Lehrpersonen wird durch das Stärken der Lernendenpersönlichkeiten erleichtert und erfüllender.

Vereine und NGOs tragen zur Integration bei und finden leichter integrative und engagierte Persönlichkeiten.

Das Gesundheitswesen, da starke Persönlichkeiten gesünder leben und mehr verdienen, kann die Medizin sich auf neue Krankheitsfelder ausdehnen und mehr zur Gesundheitsmedizin hin entwickeln.

Referenzen:

[1] Vgl. Alard von Kittlitz: Die Erde ist eine Scheibe, DIE ZEIT Nr. 36/2016, 25. August 2016.

[2] Ein Menschenrecht auf Persönlichkeitsentfaltung könnte als eigenes Menschenrecht formuliert werden o-der im Ausbau gewisser Abwehrrechte zu Leistungsrechten verwirklicht werden:

· Die körperliche und geistige Unversehrtheit von Art. 10 Abs. 2 BV könnte zu einem Recht auf körperliche und geistige Entfaltung ausgebaut werden.

· Das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Förderung ihrer Entwicklung in Art. 11 Abs. 1 BV könnte auf konsequente und nachhaltige Förderung ihrer Entwicklung umformuliert werden.

· Das Recht auf freie Meinungsbildung in Art. 16 Abs. 2 BV könnte zu einem Recht auf Befähigung zur freien Meinungsbildung erweitert werden.

[3] Zur Erläuterung, wie das funktioniert, hier ein paar Beispiele:

· Geschichtslehrpersonen vergleichen Kriege mit persönlichen Konflikten aus dem Alltag und üben Konfliktgespräche.

· In der Chemie werden partnerschaftliche Beziehungen mit chemischen Reaktionen verglichen, wie es schon Goethe in seinen Wahlverwandtschaften tat.

· Im Sport wird an Geräten die Überwindung von Angst und Selbstvertrauen trainiert und im Mannschafts-sport Kooperation und Fairplay gelebt.

· Wirtschaftslehrer erklären die Konjunkturzyklen mit Stimmungsschwankungen und entwickeln mit den Lernenden gleich ein «Konjunkturprogramm» für ihre eigenen «schlechte Tage».

· Im Erbrecht wird der Umgang mit Verlusten und Gewinnen gelernt.

· Die Sprachlehrer trainieren Ausdruck, Kommunikation und das Erkennen von rhetorischen Tricks.

· Im Literaturstudium können Themen angegangen werden, die sich mit den anderen Fächern kaum verknüpfen lassen, usw.

Siehe auch Präsentation im Finale des reatch-Ideenwettbewerb vom 24.10.20.

Autor*Innen

Christian Roduner aus Zürich hat an der Uni St. Gallen Internationale Beziehungen studiert und an der Uni Zürich das Mittelschullehrer Diplom gemacht. Nebenbei hat er viele Psychologie-, Philosophie- und Antropologievorlesungen besucht. Heute begleitet er BMS-Schüler*innen auf ihrem Weg, aus den Gebieten Wirtschaft, Recht, Politik und Geschichte etwas für ihr persönliches Leben zu lernen und sich dabei kognitiv, emotional und sozial zu entfalten.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.