Privatsphäre im Netz: Pizza schlägt Datenschutz

Wir fürchten uns vor Geheimdiensten, die unsere Daten sammeln, Hackern, die unsere E-Mails lesen und davor, dass unsere Kreditkarteninformationen in falsche Hände fallen. Gleichzeitig tun wir wenig, um unsere Privatsphäre im digitalen Raum zu schützen.

28. Nov 2018 · Olivia Meier

Für eine Gratis-Pizza sind viele Menschen bereit, persönliche Informationen ihrer Freunde preiszugeben.

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «Digital Societies - Fluch oder Segen?» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

Wenn sie nicht gerade laute Telefongespräche über den letzten Arztbesuch im Zug führen, ist den meisten Leuten ihre Privatsphäre im analogen Leben unglaublich wichtig. Wir bevorzugen ein leeres Viererabteil im Zug, machen das Eingeben des PIN-Codes am Bancomaten zu einer Geheimsache monumentalen Ausmasses und umgeben unseren Garten am liebsten mit einer meterhohen Thuja-Hecke. 

Auch im digitalen Raum wollen wir geschützt werden und verhindern, dass unsere Daten jemandem in die Hände fallen, der sie möglicherweise missbrauchen könnte – so der allgemeine Tenor. Doch verhalten wir uns auch so, damit wir diesem Anspruch gerecht werden? Eher nicht.

In einem Experiment der amerikanischen Ökonomieprofessorin Susan Athey waren erstaunlich viele Teilnehmende bereit, die E-Mail-Adressen ihrer Freunde anzugeben, wenn sie dafür eine Gratis-Pizza erhielten. Andere Untersuchungen in diesem Bereich kamen zu vergleichbaren Resultaten. Mit einem kleinen Anreiz (wie Vergünstigungen oder Wettbewerbsteilnahmen) war ein Grossteil der Teilnehmenden schnell bereit, von zuvor postulierten Privatsphäre-Grundsätzen abzurücken.

Ähnlich siehts bei den sozialen Medien aus: Nur wenige würden wohl Fotos von sich an Fremde auf der Strasse verteilen oder sich freuen, wenn plötzlich ihr Gesicht ein Plakat an der Zürcher Bahnhofstrasse ziert. In der digitalen Welt sieht das meist anders aus. So zeigte eine Untersuchung der New Yorker Columbia Universität, dass die Privatsphäre-Einstellungen der meisten Teilnehmenden ungenügend waren – obwohl sie im Voraus eine hohe Sensibilität für ihre persönlichen Daten angegeben hatten.

Beide Beispiele verdeutlichen unser widersprüchliches Verhalten, wenn es um persönliche Daten im Internet geht. Warum halten wir zwar unsere Daten für schützenswert, verhalten uns aber nicht dementsprechend?

Aus den Augen aus dem Sinn

Die Abstraktheit des Themas könnte eine mögliche Erklärung dafür sein. In der analogen Welt ist es einfach, seine Daten unter Kontrolle zu halten. Man verrät Geheimnisse nur nahestehenden Personen, teilt persönliche Erfahrungen nur mit Freunden oder nahen Bekannten, bewahrt heikle Informationen in verschlossenen Schubladen auf.

Im digitalen Raum ist das schwieriger. Dort landen Daten in einem Rechenzentrum irgendwo auf der Welt und entgleiten damit unserer direkten Kontrolle. Wenn Unternehmen oder gar Freunde meine Kontaktangaben an andere Anbieter weitergeben, erfahre ich das höchstens durch lästige Spam-Mails. Die Verletzung unserer Privatsphäre hat in den meisten Fällen keine unmittelbaren, sichtbaren Konsequenzen. Und wenn doch einmal ein Verstoss gegen unsere Privatsphäre publik wird, ist eine Bestrafung der Schuldigen schwierig und das Ausweichen auf Alternativen mühsam – zum Beispiel bei Facebook oder Whatsapp.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Unsere Daten sind uns online zwar nicht weniger wert als offline. Wir sind uns aber oft nicht bewusst, dass die Massnahmen, die in der analogen Welt einwandfrei funktionieren, im digitalen Raum nicht ausreichen, um unsere Daten zu schützen. Zum Beispiel kann ich mich meist auf meine Freunde verlassen, dass sie Geheimnisse nicht ausplaudern. Wenn ich aber die AGBs grosser Unternehmen einfach überspringe, dann setze ich Vertrauen in Organisationen, zu denen ich keinerlei Bezug habe und die mir – im Gegensatz zu meinen Freunden – auch keine Loyalität entgegenbringen.

Hinzu kommt, dass viele Menschen glauben, ihre Daten seien sowieso uninteressant. Doch sie irren. Denn ihre Daten sind interessant. Für Online-Händler, um mit persönlich zugeschnittenen Produkteempfehlungen den Verkauf anzukurbeln; für soziale Netzwerke, um personalisierte Werbeflächen verkaufen zu können; für Politiker, um gezielt das Abstimmungsverhalten zu beeinflussen. Dabei werden unsere Daten immer wieder missbräuchlich verwendet.

Whistleblower Edward Snowden machte 2013 mit seinem Gang an die Öffentlichkeit auf die umfassenden Überwachungspraktiken der amerikanischen Geheimdienste im digitalen Raum aufmerskam. Und der «Cambridge Analytica»-Skandal deckte auf, dass Facebook widerrechtlich die Daten von Millionen von Facebook-Nutzern weitergegeben hat.

Wenn es uns wirklich kümmert, was mit unseren Daten geschieht, müssen wir uns einerseits immer dann an der Nase nehmen, wenn wir bewusst Daten preisgeben, obwohl uns klar ist, dass diese eigentlich schützenswert wären. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir das Häkchen erst dann unter die AGBs setzen, wenn wir sie wirklich gelesen haben. Andererseits  müssen wir uns stets bewusst machen, dass unsere Vorkehrungen zum Datenschutz nicht immer ausreichen und es im digitalen Raum viel einfacher ist, seine vertraulichen Daten unwissenstlich weiterzugeben als in der analogen Welt. Kurz: Wir müssen lernen, wie wir unsere Privatsphäre auch im Internet so schützen können, wie wir es in den eigenen vier Wänden tun.

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*Innen

Olivia Meier studiert Germanistik sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaften im Master an der Universität Zürich und arbeitet als Wissenschaftliche Assistentin am Departement für Angewandte Linguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie ist Vorstandsmitglied von reatch und betreut den reatch-Blog.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.