So breitet sich eine Verschwörungstheorie aus

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren auf Social Media verschiedene Verschwörungstheorien über den Ursprung des Virus. Doch wie verbreiten sich diese Geschichten so rasant? Forschende haben eine davon auf Facebook verfolgt.

11. Okt 2020 · Elfie Suter

Dieser Artikel ist am 25. August 2020 im Magazin higgs erschienen.

Verschwörungstheorien sind zwar kein neues Phänomen, die sozialen Medien bieten ihnen aber ein riesiges Publikum. Vielleicht hast du auch schon beobachtet, dass ein Bekannter, vielleicht sogar eine Freundin, auf Facebook ominöse Verschwörungstheorien teilt: Plötzlich ist da ein Video, das beweisen soll, dass Bill Gates am Corona-Virus schuld ist. Doch woher kommen diese Theorien und wie verbreiten sie sich? Forschende der Queensland University sind dem in einer neuen Studie nachgegangen, die im Fachmagazin Media International Australia erschienen ist.

Verschwörungstheorien fangen klein an

In der Studie untersuchten Forschende den Weg einer spezifischen Verschwörungstheorie auf Facebook: Diese sieht den Mobilfunkstandard 5G als Grund für die Epidemie. Diese Behauptung wurde immer wieder als falsch entlarvt, hält sich jedoch hartnäckig in den sozialen Medien.

Bereits im Januar tauchten diese Gerüchte erstmals auf, wie die Studie zeigt. Sie beschränkten sich allerdings hauptsächlich auf kleine, europäische Facebook-Gruppen, die bereits zuvor verschiedene Verschwörungstheorien teilten und in ihrer Landessprache kommunizierten. «Gruppen von Verschwörungstheoretikern sprangen auf den Covid-19-Zug auf und passten ihre Theorien an die Pandemie an, um so zu beweisen, dass der Ausbruch ihre Behauptungen untermauere», erklärt Axel Bruns, Medienforscher und Hauptautor der Studie, in einer Mitteilung. Dies ging eine Weile lang so weiter, bis Ende Januar der Durchbruch kam. Und dieser kam auf englisch.

Englisch treibt Verbreitung voran

Im Februar sprang die Verbreitungsrate von rund 30 Posts pro Tag auf bis zu 220. Englischsprachige Inhalte trugen dazu am meisten bei. Der erste englischsprachige Post, den die Forschenden zur Verschwörungstheorie fanden, wurde so oft geteilt, dass es nicht möglich war, ihn genau zurück zu verfolgen. Klar ist allerdings, dass er überall auf der Welt kursierte und bis zu 1,3 Millionen Personen erreicht haben könnte. Die Forschenden gehen davon aus, dass Englisch als Universalsprache im Internet zur schnellen Verbreitung solcher Verschwörungstheorien entscheidend beitrug. Diese werden dann wiederum von lokalen Communities aufgegriffen und weitergesponnen.

Ende Februar entdeckten die Forschenden plötzlich einen weiteren schnellen Anstieg von Beiträgen in Zusammenhang mit dem Coronavirus und der 5G-Technologie. Innerhalb von wenigen Tagen stieg die Anzahl Posts von etwa 120 bis zu 580 Posts pro Tag an. Viele davon kamen aus Süd- und Osteuropa. Ein möglicher Grund für den plötzlichen Anstieg sehen die Forschenden in der Einführung von Lockdown-Massnahmen in diesen Ländern.

Prominente und Medien giessen Öl ins Feuer

Während sich Mitte März immer mehr Menschen im Lockdown befanden, meldeten sich nun häufiger auch Prominente zu Wort. Das verhalf den Theorien endgültig zum Durchbruch – Dutzende Millionen User wurden so erreicht. Am 1. April postete der amerikanische Schauspieler Woody Harrelson zum Beispiel ein Video, das eine Attacke auf einen 5G-Masten zeigen sollte – es stellte sich dann aber als Video der Demonstrationen in Hong Kong heraus. Die afro-amerikanische Sängerin Keri Hilson wiederum verbreitete die Theorie, wonach Afrika so wenige Covid-19-Fälle habe, weil es dort kaum 5G-Masten gäbe. In dieser Zeit begann sich diese Theorie in Afrika massiv zu verbreiten – mit tatkräftiger Unterstützung einiger christlicher Pastoren.

Diesen Trubel griffen wiederum die Medien auf und berichteten über die Posts der Stars. Auch wenn die Berichte meist betonten, wie unfundiert und frei von Fakten die Theorie sei, verbreiteten sie sie dennoch weiter. Die meistgeteilten Artikel darüber könnten bis zu 39 Millionen Menschen erreicht haben.

Die Forschenden hinterfragen deshalb, ob selbst faktenbasierte Medienberichte über Verschwörungstheorien überhaupt sinnvoll seien. Denn diese würden Verschwörungstheoretiker kaum umstimmen und die Theorien stattdessen lediglich an ein grösseres Publikum bringen.

«Die Entlarvung ist jedoch immer noch wertvoll, wenn sie andere Bürger davon abhält, Opfer solcher Falsch- und Desinformationen zu werden», sagt Edward Hurcombe vom Digital Media Research Center der Queensland University of Technology und Mitautor der Studie. Dasselbe gelte für inhaltliche Warnungen und Takedowns: «Verschwörungstheoretiker werden dies zwar als Beweis dafür ansehen, dass es wirklich eine Verschwörung gibt. Aber zumindest verhindern Sperren, dass der Inhalt weiterverbreitet wird.»

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Elfie Suter

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