Strom aus Atom – strahlende Zukunft oder Endstation Endlager?

Hat die Kernenergie in der Schweiz eine Zukunft? Wir haben bereits am 13. Juni ein Podium organisiert zu dieser umstrittenen Frage - mit Stimmen aus Politik und Wissenschaft. Pünktlich zum Beginn der heissen Phase des Abstimmungskampfes folgt der Rückblick.

Dass die Frage „Ausstieg aus der Kernenergie – ja oder nein?“ sich nicht rasch beantworten lässt, ist schon daran festzustellen, dass die Veranstaltung am 13. Juni bereits die zweite zum Thema war. Im Haus „Karl der Grosse“ in Zürich durften etwa 50 Personen eine spannende und komplexe Diskussion von Ausstiegsgegnern und –befürwortern unter der Moderation von Servan Grüninger, Präsident von reatch und Bettina Meyer, Mitglied der AG Energie, verfolgen. Nach der Diskussionsrunde im letzten Dezember, in der es um die technischen Aspekte der Kernkraft ging, standen dieses Mal vor allem klima- und sicherheitsrelevante Themen im Zentrum.  Barbara Schaffner, Kantonsrätin GLP Zürich und Michael Dittmar, Forscher am Physikinstitut der ETH Zürich und am Cern plädierten für einen Ausstieg, Marco Streit von der Schweizerischen Gesellschaft der Kernfachleute sowie Beat Bechtold, Geschäftsleiter des Nuklearforums Schweiz, dagegen.

 

Die Referenten:

Dr. Marco Streit, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kernfachleute «Der unüberlegte Kurswechsel in der Schweizer Energiepolitik wird einen stark negativen Einfluss auf die Volkswirtschaft nach sich ziehen.»

Dr. Barbara Schaffner, Kantonsrätin GLP Zürich «Den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft. Ein Festhalten an alten Technologien verhindert eine schnelle Umstellung.»

Beat Bechtold, Geschäftsleiter Nuklearforum Schweiz  «Die Energiepolitik des Bundes war vor Fukushima betreffend einer ausreichenden, breit gefächerten, sicheren, wirtschaftlichen und umweltverträglichen Energieversorgung deutlich zielführender.»

Dr. Michael Dittmar, Forscher am Physikinstitut der ETH Zürich und am CERN «Die Kernenergie mit alternden Kraftwerken und ungelösten Entsorgungsproblemenist nicht Teil der Lösungen, sondern der Ursache unserer Energie- und Nachhaltigkeitsprobleme.»

Moderation: Servan Grüninger, Präsident reatch, & Bettina Meyer, Projektleiterin «Netzwerk Energie»

 

Marco Streit wies darauf hin, dass nur Elektrizität aus Wasser und Wind ähnlich tiefe CO2-Werte aufweise, wie jene aus Kernkraft. Diese beiden erneuerbaren Formen reichten jedoch nicht aus, um die Elektrizitätsnachfrage in der Schweiz konstant zu decken. Bei einem Ausstieg aus der Kernenergie sieht er einen Umschwung auf Gaskombikraftwerke und damit sehr viel höhere CO2-Emissionen für die Stromerzeugung als Folge.

Für Michael Dittmar stellt der unhinterfragte Verbrauch von Öl das sehr viel grössere Problem in Bezug auf CO2-Emissionen dar, als ein möglicher Ersatz der Kernkraft. Öl sei immer noch die Grundlage für mehr als die Hälfte unseres Energieverbrauchs - nicht nur für Elektrizität. Für ihn ist klar, dass längerfristig nur eine effizientere Nutzung von Energie eine echte Ersparnis bei den CO2-Emissionen bringt.

Leider gingen die Diskussionspartner nicht darauf ein, welchen CO2-Anteil  aus dem Lebenszyklus eines Energieträgers sie ansprachen. Es ist ein Unterschied, ob allein jene CO2-Emissionen angerechnet werden, die bei der Stromerzeugung entstehen oder ob etwa der Abbau und die Aufbereitung von Material sowie die Vernichtung oder Wiederaufbereitung auch berücksichtigt werden.

Ein weiterer Diskussionspunkt, war die Versorgungssicherheit. Sonne, Wind und Wasser stehen nicht immer im gleichen Masse zur Verfügung – es sind sogenannte fluktuierende Energieformen. Die Gegner des Ausstiegs zogen Deutschland als Beispiel heran, um Probleme aufzuzeigen: Deutschland treibt seit Jahren den Ersatz der Kernkraft voran. Es müsse dafür, auch wenn die erneuerbaren Quellen genug Strom liefern, stets Kohlekraftwerke laufen lassen, um bei einem Ausfall der Erneuerbaren sofort reagieren zu können. Dieses „Zuviel“ an Strom werde an der Börse verkauft, eine Stromschwemme sei die Folge und die Preise für Elektrizität aus Nachbarländern – etwa aus Wasserkraft in der Schweiz – würden in den Keller fallen. Beat Bechtold betonte zudem, dass in Deutschland teilweise ganze Landstriche durch Windräder verschandelt würden.

Barbara Schaffner hielt dagegen, dass es mit den zunehmend besseren Speichermöglichkeiten von Strom – etwa Batterien für die Versorgung zu Hause oder Power-to-Gas Konzepten für die Mobilität - möglich werde, die stete Versorgung mit den fluktuierenden Energieträgern zu garantieren. 

Die Angst vor einer „Stromlücke“, griff Michael Dittmar auf, um im zweiten Teil der Abends zu zeigen, dass die Sicherheit der Kernkraftwerke nicht garantiert ist. Der Gedanke, plötzlich stehe zu wenig Elektrizität zur Verfügung, führe dazu, dass auch Kernkraftwerke, die aus sicherheitstechnischen Gründen längst abgeschaltet werden müssten, noch aktiv seien. Als Beispiele führte er Beznau I in der Schweiz an. Daraufhin entbrannte unter den Befürwortern und den Gegnern des Ausstiegs eine Diskussion, ob die ENSI (Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektion) genügend rechtliche Grundlagen habe, um gefährliche Werke stilllegen zu können.

Ein weiterer Sicherheitsaspekt, die Wiederaufbereitung der Brennstäbe, wurde ebenfalls aufgenommen. Michael Dittmar und Barbara Schaffner sorgten sich, dass damit Plutonium gewonnen und dieses im Ausland für Waffen eingesetzt werde. Marco Streit entgegnete,das Plutonium aus Schweizer KKW sei nicht waffenfähig. Zudem könnten Atomwaffen auch aus Uran hergestellt werden.

In der nachfolgenden Fragerunde zeigte sich, dass sich das Publikum teilweise auch über Aspekte, die noch nicht zur Sprache gebracht worden waren, Gedanken gemacht hat:  Es wurden Bedenken, geäussert, ob die Energiepolitik der Schweiz im Vergleich zu jener von Indien, China und Südostasien relevant sei oder ob das SmartGrid, das für die dezentralen erneuerbaren Energien nötig wird, mit der Kernkraft zu vereinbaren ist. 

 

Dieser Rückblick wurde verfasst von Anina Steinlin. Sie arbeitet zur Zeit an der Eidgenössischen Materialforschungs- und Prüfungsanstalt Empa in Dübendorf. Sie hat ihren Master am Institut für Theoretische Physik an der Universität Bern abgeschlossen und interessiert sich nebst der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Wissenschaftsphilosophie besonders für die angewandteren Fragen der Energieversorgung.

 

Wir danken der cogito foundation für die finanzielle Unterstützung zur Durchführung dieses Events.

 

Mitwirkende 

Herzlichen Dank an alle Mitglieder, die zur Vorbereitung, Werbung und erfolgreichen Durchführung des Events beigetragen haben.

 

Gesamtleitung

Servan Grüninger
Bettina Meyer
Selina Knöpfli

Moderation
Bettina Meyer & Servan Grüninger

Apéro & Saalvorbereitung
Martin Roszkowski (Leitung)
Selina Knöpfli
Adrian Hauswirth
Sara von Salis
Akash Arasu
Luisa Schäfer

Werbung & Medien
Joel Lüthi (Leitung)
Thalia Kupferschmied
Sara von Salis
Daniel Sidler
Lukas Schmidt
Martin Roszkowski
Bettina Meyer
Selina Knöpfli

Fotografie & Film
Joel Lüthi (Leitung)
Michael Kümin

Herzlichen Dank auch an Tamara Aepli sowie an die Weiersmüller, Bosshard, Grüninger AG für visuelle Kommunikation für die Illustration bzw. die Gestaltung des Flyers.