Wann ist eine Hand deine Hand?

Welche Kriterien bestimmen darüber, was wir zu unserem körperlichen Ich zählen? Ist es die DNA? Physische Verbundenheit? Eine Verbindung zum zentralen Nervensystem? Oder doch nur Subjektivität?

20. Apr 2020 · Anouk Petitpierre

Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen der Sommerakademie «The body in mind: self-consciousness and embodied cognition» der Schweizerischen Studienstiftung und wurde redaktionell begleitet von reatch.

«Warum gehört deine Hand zu dir?» Was nach einer harmlosen Frage klingt, wird für die Teilnehmenden der Sommerakademie «Body in Mind: Self-Consciousness and Embodied Cognition» rasch zu einer Herausforderung. Im idyllischen Magliaso zerbrechen sich zwanzig Studierende die Köpfe über der Frage, was das körperliche Ich eigentlich zum körperlichen Ich macht.

Angeleitet von den beiden Forschenden Peter Brugger und Bigna Lenggenhager entwickelt sich eine lebhafte Diskussion: «Die Hand ist – wie jedes Körperteil – mit unserem zentralen Nervensystem verbunden. Ergo kann ich sie nicht nur passiv fühlen, sondern auch aktiv kontrollieren», meint jemand. «Das würde allerdings bedeuten, dass gelähmte Körperteile nicht länger Teil des körperlichen Ichs sind», widerspricht jemand anderes. Tatsächlich empfinden Betroffene Körperteile aber trotz somatosensorischer Empfindungslosigkeit noch als die eigenen. Und gemäss dieser Definition wäre selbst ein Handy Teil des körperlichen Ichs.

Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass die Hand am eigenen Körper befestigt ist? Doch auch dieser Definition wird widersprochen: Wer Game of Thrones mitverfolgte, hat vermutlich nicht nur über das Ende gelitten, sondern auch mit Jaime Lannister, als dieser seine fleischliche Hand verloren und durch eine goldene ersetzt bekommen hat. Letztere war ebenfalls an seinem Körper befestigt, wurde von ihm jedoch nicht als die eigene betrachtet. So ergeht es vielen Menschen mit Prothesen und das, obwohl sie mit der Zeit lernen, ihre künstlichen Körperteile geschickt zu benutzen. Mittlerweile wurden sogar bionische Prothesen entwickelt, welche eine Steuerung der Prothese allein durch das Gehirn ermöglichen. Warum also werden Prothesen als fremd empfunden?

Es wird argumentiert, dass eine Prothese aus anorganischem Material bestehe und deswegen nicht vollständig zum Ich gezählt werden könne. Der Einwand kommt sogleich: Warum aber wird dann transplantiertes Gewebe dem Spender zugesprochen und nicht dem Rezipienten? Schliesslich besteht es auch aus Zellen! Viel wahrscheinlicher gehöre die Hand dem körperlichen Ich an, weil sie aus Zellen bestehe, welche die eigene, individuelle DNA enthalten!

Hier hagelt es aber Widerspruch von den Biologen: Rote Blutkörperchen enthalten keine DNA und trotzdem sprechen wir von unserem Blut! Zusätzlich gibt es Fälle wie Chimären und Zwillinge. Eine Chimäre besteht aus unterschiedlichem genetischen Material, weil zwei oder mehrere befruchtete Eizellen zu einer verwachsen sind und dennoch fühlt sie sich als einzelnes Individuum. Zwillinge hingegen sind zwei voneinander getrennte Individuen mit derselben DNA.

Wir haben während der Sommerakademie noch ein weiteres Phänomen kennengelernt, welches der Theorie mit der DNA widerspricht: Bei der sogenannten Xenomelie erkennen Menschen ein Körperteil nicht als Eigentum an, obwohl es dieselbe DNA wie der Rest des Körpers besitzt, an diesem physisch befestigt ist und von der Person sowohl gespürt als auch kontrolliert werden kann.

Irgendwann wird uns klar, dass keine der Antworten richtig passen will. Für jedes Argument, warum meine Hand zu mir gehört, lassen sich Gegenbeispiele und klinische Ausnahmefälle finden, welche die Definition dessen, was zum körperlichen Ich gehört, wieder über den Haufen werfen.  Vielleicht liegt in den Ursachen für Xenomelie die Antwort auf die Frage, warum meine Hand zu mir gehört, verborgen. Vielleicht sind auch alle während der Diskussion vorgeschlagenen Definitionen lediglich Kriterien, von denen eine bestimmte Anzahl erfüllt sein muss, ehe die Definition des körperlichen Ichs in Kraft tritt. Oder vielleicht muss zwischen einer objektiven und einer subjektiven Definition unterschieden werden: Die objektive basiert auf biologischen Kriterien, von denen ein gegebener Prozentsatz erfüllt sein muss. Sie würde auch die als fremd anerkannten Körperteile von Personen mit Xenomelie zum körperlichen Selbst zählen. Die subjektive hingegen basiert auf Selbstwahrnehmung und ihre Kriterien sind von aussen nicht feststellbar. Sie bleiben vorerst eines der vielen Geheimnisse, welche der Wissenschaft ihren Reiz verleihen.

Den Original-Beitrag gibt es hier zu lesen.

Autor*Innen

Anouk Petitpierre ist Geförderte der Schweizerischen Studienstiftung. Gegenwärtig studiert sie im dritten Jahr Biologie und Umweltwissenschaften an der Universität Zürich und strebt einen Master in Umweltnaturwissenschaften an.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.