Weg mit dem Durchschnittsschweizer

Egal, ob es um Wirtschaftsfragen oder Konsumverhalten geht – der Durchschnittsschweizer hat schon manch einem Journalisten die passende Schlagzeile beschert oder die Argumente einer Politikerin untermauert. Jetzt steht fest: Er hat seinen gutgläubigen Opfern jahrelang etwas vorgemacht!

21. Juli 2015 · Servan Grüninger

Bild: Zach Weinersmith, SMBC-Comics

Er trinkt jährlich 56 Liter Bier und raucht 1442 Zigaretten. Dazu verspeist er ungefähr 8 kg Karotten und 16 kg Äpfel, aber nur etwa 300 Gramm Rosenkohl (schliesslich hat er Geschmack). Er ist 42 Jahre alt, wohnt mit 1.3 Personen zusammen und ist zu 50.6% weiblich – der Durchschnittsschweizer.

Seine Mittelmässigkeit macht ihn berühmt; er ist der Schlagzeilengarant schlechthin:

«Jeder Schweizer wirft 31 Kilo Lebensmittel weg».

Davon ausgenommen ist wohl einzig die Schokolade, wovon sich der Durchschnittsschweizer «12 Kilo pro Jahr» auf der Zunge zergehen lässt. Ob das wohl der Grund ist, weshalb er das Gesundheitswesen mit «709 Franken im Monat» belastet?

Ein alter Polithase

Auch in der Politik ist er ein gefragter Partner – unterstützt er doch Parteien jeglicher Couleur mit seiner Expertise.

«Ein [Schweizer] Kind kostet durchschnittlich 1000 Franken pro Monat», rechnete er der CVP kürzlich vor. Deshalb forderte die Partei umgehend steuerfreie Kinderzulagen.

Doch vielleicht sind höhere Löhne für Frauen ja die bessere Lösung, um Familien zu unterstützen. Immerhin machte die Durchschnittschweizerin gegenüber der SP geltend, dass sie 1800 Franken weniger pro Monat verdiene als ihre ebenfalls durchschnittlichen, aber männlichen Kollegen.

Im Grunde scheint der Durchschnittsschweizer mit seiner Situation aber gar nicht so unzufrieden zu sein. Schliesslich vertraute er der FDP an, dass sein Lohn weit über dem seiner Kollegen aus anderen Ländern liege.

Unangenehm berührt fühlt er sich hingegen von der gierigen Hand des Fiskus, die ihm immer wieder auf ungebührliche Art und Weise in die Taschen greife! Verzweifelt wandte er sich deshalb an die Junge SVP und klagte, dass er «ein halbes Jahr für den Staat» arbeiten müsse.

Der Durchschnittsschweizer – ein zwielichtiger Typ

Was kaum jemand weiss: Der Durchschnittsschweizer ist überdurchschnittlich begabt darin, uns etwas vorzumachen; er ist ein durch und durch undurchsichtiger Geselle.

So behauptet er, ein Vermögen von knapp 290‘000 Franken zu besitzen. Wer ihm aber ein wenig genauer auf die Finger schaut, wird stutzig. 

[Bild Vermögensverteilung]

Eine Mehrheit der steuerpflichtigen Schweizer besitzt nämlich weniger als 50‘000 Franken Vermögen. Wer im Durchschnittsschweizer bisher den Vertreter des einfachen Mannes (zu 49.4%) bzw. der einfachen Frau (zu 50.6%) gesehen hat, zeigt sich nun bitter enttäuscht.

Auch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel beim Zigarettenkonsum oder der Haushaltsgrösse, macht er uns etwas vor:

[Bild Anzahl gerauchter Zigaretten]

[Bild Privathaushalte nach Haushaltsgrösse]

Ich traue mich an dieser Stelle auch gar nicht, einen genauen Blick auf den jährlichen Schokoladenkonsum unseres Durchschnittsschlawiners zu werfen – zu gross die Furcht, dass er in Wahrheit überdurchschnittlich oft zu belgischer Schokolade greift.

Nachbarschaftshilfe

Wir sollten uns davor hüten, den Argumenten des Durchschnittsschweizers allzu viel Gehör zu schenken. Oft erzählt er uns nur die halbe Wahrheit und manchmal lügt er uns sogar unverfroren ins Gesicht. Auf die Schliche kommen wir ihm aber dann, wenn wir uns etwas eingehender mit seinen unter- und überdurchschnittlichen Nachbarn unterhalten.

Die folgenden Simulationen werden zeigen, was ich damit meine. In jedem Fall habe ich 10‘000 Datenpunkte mit jeweils unterschiedlicher Verteilung simuliert. Der Einfachheit halber nehmen wir nun an, diese Datenpunkte würden Geschwindigkeitsmessungen der Polizei darstellen (innerorts). Je höher ein einzelner Balken, desto mehr Datenpunkte bzw. Messungen befinden sich in der jeweiligen Geschwindigkeitskategorie. 

[Bild Histogramme]

Der Durchschnittsschweizer (patriotisch rot markiert) zeigt sich in diesen Simulationen als vorbildlicher Verkehrsteilnehmer: 50 km/h – so seine Geschwindigkeit in jeder einzelnen der neun simulierten Messreihen. Doch er verschweigt uns wieder einmal gehörig etwas.

«Jeder Schweizer fährt innerorts 50 km/h»

Schon ein Blick auf die erste Messreihe zeigt: Da kann etwas nicht stimmen. Nicht nur der Durchschnittsschweizer, sondern jeder einzelne Schweizer Verkehrsteilnehmer scheint innerorts mit exakt 50 Stundenkilometer unterwegs zu sein. Angesichts dieser unwahrscheinlichen Präzision, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Messgerät der Polizisten kaputt war.

Im zweiten Beispiel gibt es jedoch kaum etwas auszusetzen. Die Nachbarn des Durchschnittsschweizers sind weitgehend gesetzeskonform mit 45 bis 55 km/h unterwegs.

Sorgen machen sollten uns dafür die dritte, vierte und fünfte Messung. Der Durchschnittsschweizer fährt seelenruhig seine 50 Stundenkilometer, während seine Nachbarn wilde Wettrennen veranstalten, stehen bleiben oder sich sogar mit negativer Geschwindigkeit fortbewegen (was dann wieder auf ein defektes Messgerät hinweisen würde). Ein Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr wäre auf jeden Fall ratsam und ist wohl im Mittel für alle Verkehrsteilnehmer gesünder.

Völlig isoliert scheint der Durchschnittschweizer derweil in der Messreihe sieben zu sein. Seine Nachbarn bevorzugen entweder gemütliche 20 km/h oder rasen mit 80 Stundenkilometer über die Strassen.

Weg mit diesem Blender!

Wir sehen: Der Durchschnittsschweizer ist ein Blender. Trotzdem führt wohl auch in Zukunft kein Weg an ihm vorbei – zu verlockend sind seine Masse; zu verführerisch seine Worte. Doch wenn er das nächste Mal zu einer seiner Erzählungen ansetzt, sollten wir uns darum bemühen, auch seinen Nachbarn Gehör zu schenken. Unserem Durchblick kann das im Durchschnitt nur nützen.

Dieser Artikel ist am 21. Juli 2015  im Science-Blog von NZZ Campus erschienen.

Autor*Innen

Servan Grüninger ist Mitgründer und Präsident von reatch. Er hat einen Bachelorabschluss in Biologie mit Nebenfächern Neuroinformatik, Recht & Politikwissenschaften und einen Master in Biostatistik von der Universität Zürich. Zurzeit belegt er den Masterstudiengang in Computational Science & Engineering an der EPFL in Lausanne. Für weitere Informationen: www.servangrueninger.ch.

Disclaimer

Der vorliegende Blogeintrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und entspricht nicht zwingend derjenigen von reatch oder seiner Mitglieder.