Podiumsdiskussion: Work in Progress

Der technologische Wandel schreitet rasant voran und verändert die Welt in der wir leben, studieren und arbeiten. Wir luden zu einer Podiumsdiskussion mit renommierten Gästen ein.

Am 8. März 2018 trafen sich rund 80 interessierte Zuhörer*innen zur Podiumsdiskussion unter dem vielversprechenden Titel "WORK in PROGRESS". Das Ziel dieser Podiumsdiskussion war, aus dem Gespräch mit fünf Expert*innen aus Wirtschaft, Recht, Informatik, Medizin und Wirtschaftsinformatik zu erfahren, welche Chancen und Herausforderungen die Digitalisierung für Studierende birgt.

Herr Dr. Vaterlaus hat den Anlass eröffnet. Auf sein Einführungsreferat folgte die Podiumsdiskussion, moderiert von Herrn Dr. Stürmer. Im zweiten Teil der Podiumsdiskussion hatten Student*innen aus dem Publikum die Möglichkeit, Fragen ans Podium zu stellen.

Moderation

Dr. Matthias Stürmer | Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern. Dozentur und Forschung über digitale Nachhaltigkeit, Open Source Software, Open Data, Linked Data, Open Government, Smart City und ICT-Beschaffung

Einführungsreferat von Dr. Vaterlaus: Überblick über das Zusammenspiel von Arbeitsmarkt und Digitalisierung

Dr. Stephan Vaterlaus |

Geschäftsführer Polynomics, Früher: Mitbegründer und Leiter von Plaut Economics, stellvertretender Direktor der BAK Basel Economics. Autor der Studie Digitalisierung und Arbeitsmarktfolgen

 

Auf die Frage, ob der zukünftige Arbeitsmarkt aufgrund der Digitalisierung wirklich gänzlich anders sein werde, erläutert der Ökonom zwei oft genannte Entwicklungen: die Job-Polarisation und die Beschäftigungsverlagerung zwischen den Sektoren. Durch die Job-Polarisation wird die Nachfrage nach sehr gut ausgebildeten Arbeitskräften steigen und die Nachfrage nach Arbeit in Bereichen sinken, in denen Tätigkeiten durch Maschinen ausführbar sind. Somit sind insbesondere Routine-Tätigkeiten gefährdet, die wenig menschliche Interaktion verlangen, ungeachtet der erforderlichen Qualifikation. So sind etwa auch qualifizierte aber repetitive Arbeiten gefährdet, wie sie etwa im Notariats- oder Versicherungswesen anzutreffen sind. Schliesslich ist es möglich, dass die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften steigt, wenn in diesen Tätigkeiten der physische Kontakt so unabdingbar ist, dass dieser nicht von Maschinen ersetzt werden kann. Dazu kommt, dass die steigende Anzahl Arbeitsplätze mit hoher Qualifikation auch die Nachfrage nach Tätigkeiten mit eher geringen Qualifikationen (beispielsweise Raumpflege) begünstigt. Durch die Beschäftigungsverlagerung wird zudem insgesamt die Bedeutung des Dienstleistungssektors stark zunehmen. Als Resultat dieser beiden Strömungen werden vor allem Arbeitskräfte mit mittleren Qualifikationen, welche Routine-Tätigkeiten nachgehen, vom Digitalen Wandel bedroht sein.

Studien, welche Prognosen zum erwarteten Stellenabbau machen, prognostizieren, dass etwa die Hälfte der Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Jedoch unter einer etwas besonderen Annahme: wenn eine Stelle an sich automatisierbar ist, fällt sie gänzlich weg. Der Ökonom erläutert aber, dass in der Regel nicht gleich die ganze Stelle durch die Digitalisierung wegfällt, sondern nur einzelne Tätigkeiten davon. Überdies vernachlässigen diese Studien auch den Effekt, dass die Digitalisierung zu neuen Arbeitsplätzen führen kann, die heute oft noch nicht absehbar sind.  Wird bei der Digitalisierung nur betrachtet, welche Tätigkeiten wegfallen, sind gemäss Studien nur etwa 10% der Arbeitsplätze von einem kompletten Verschwinden bedroht. Und auch bei diesen Studien wird das Schaffen neuer Stellen aufgrund der Digitalisierung nicht berücksichtigt.

Auf die Frage, was auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt geschehen wird, differenziert Dr. Vaterlaus. Kurzfristig kann die Digitalisierung zu Beschäftigungssenkungen führen, dies ist jedoch auch davon abhängig, wie stark verschiedene Branchen noch automatisierbar sind. In einem Branchen- und Ländervergleich bezüglich Automatisierungspotential schneidet die Schweiz bereits relativ gut ab, was zeigt, dass die vielen Branchen der Schweiz bereits Anpassungen vorgenommen haben. Mittelfristig sollte sich die Digitalisierung beschäftigungssteigernd auswirken. Wie stark der positive Effekt ist, hängt wesentlich von drei Punkten ab:

  • von der Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft
  • dem Erfolg neuer Arbeitsformen
  • vom Qualifikations-Match, d.h. ob zukünftige Arbeitskräfte so ausgebildet sind, dass sie dem Bedarf der Wirtschaft genügen können

Zurzeit arbeiten noch 85% der Beschäftigten in der Schweiz in einer klassischen Festanstellung. Zudem wird aktuell der Anteil der in der Schweiz auf Internetplattformen vermittelten Arbeit auf Abruf noch als sehr gering betrachtet. Jedoch werden neue Arbeitsformen, wie etwa plattformbasierte Arbeitsformen, zunehmen. Darüber hinaus wird auch die Teilzeitarbeit an verschiedenen Projekten öfters vorkommen. Das bedeutet, dass sich die Digitalisierung nicht nur auf die Arbeitstätigkeit, sondern auch auf die Arbeitsform auswirken wird, was eine Anpassung des Sozialversicherungsrechts voraussetzt.

Ein weiterer zentraler Punkt wird der sogenannte Qualifikations-Match sein. Bereits heute zeichnet sich ab, dass vor allem Fähigkeiten und Fertigkeiten gefragt sind, welche heute, aber auch in Zukunft nicht durch Maschinen ausgeführt werden können. Diese beinhalten unter anderem soziale oder emotionale Problemlösungsfähigkeiten. Darüber hinaus nimmt aber auch der Bedarf an Arbeiten mit einem Fokus auf quantitative Tätigkeiten und Programmierfähigkeiten zu. So hat beispielsweise der Anteil an technologischen Aspekten der Arbeit immer mehr zugenommen, eine Entwicklung, die in Zukunft noch weiter zunehmen wird. Wichtig für die Schweiz ist, dass sie entsprechend in die Bildungspolitik investiert, um die in Zukunft gefragten Kompetenzen zu vermitteln. Zudem wird es immer wichtiger werden, dass ältere Mitarbeiter den Anschluss nicht verlieren, sondern durch Weiterbildungen in den Arbeitsmarkt integriert bleiben.

Zusammenfassend erklärt Dr. Vaterlaus, dass die Schweiz die meisten der international zu beobachtenden Entwicklungen aufgrund der elektronischen Automatisierung und der Digitalisierung mitgemacht hat. Die Transformation konnte aber vergleichsweise gut bewältigt werden, was u.a. auf den flexiblen Arbeitsmarkt, das gut ausgebaute duale Bildungssystem und die gelebte Sozialpartnerschaft zurückzuführen ist. Bisher lässt sich eher ein Upgrading als eine Job‐Polarisation feststellen. Mit Blick auf die Zukunft erläutert der Ökonom, dass aktuelle Studien von einem positiven Nettoeffekt in Bezug auf den Stellenaufbau in der Schweiz ausgehen. Entscheidend dafür, wie die Schweiz den Digitalen Wandel meistert, dürfte das zukünftige regulatorische Umfeld sein, insbesondere inwieweit die Chancen der Digitalisierung genutzt werden, ohne dass soziale Konflikte hervorgerufen werden.

Die Stimmen des Abends

Frau Dr. Jana Essebier: Gute Sozial- und Sprachkompetenzen statt Programmierkenntnisse

Dr. Jana Essebier |

Rechtsanwältin in der Anwaltskanzlei VISCHER, Expertin in den Bereichen Fintech-Innovationen, Crowdfunding, Mobile Payment und Blockchain.

 

Gemäss Frau Dr. Essebier werden die Menschen durch die Digitalisierung weltweit immer näher und ortsunabhängiger zusammenarbeiten können. Während der physische Arbeitsort an Wichtigkeit verliert, werden die gesetzten Rahmenbedingungen für digitale Geschäftsideen und die Rechtssicherheit in einem Land immer wichtiger, um einen international attraktiven Standort bieten zu können.

Von Jus-Absolvent*innen erwartet die Anwältin keine Programmierkenntnisse, sondern gute fachliche Grundkenntnisse sowie Sozial- und Sprachkompetenzen, welche weiterhin der Fokus der universitären Ausbildung bleiben sollen. Gut wäre es, wenn die Uni einen Einblick in „Hot-Topics”, wie zum Beispiel Kryptowährungen oder Blockchain, gibt. Es ist jedoch nicht zwingend, dass die Studenten an der Uni den rechtlichen Umgang mit diesen Innovationen im Detail lernen. Wichtig ist, dass sie generell darauf vorbereitet werden, ihr rechtliches Gundwissen auf Innovationen anzuwenden.

Hingegen geht Dr. Essebier davon aus, dass sich das Arbeitsbild von kaufmännischen Angestellten zunehmend verändern wird. Archivierungstätigkeiten werden durch automatisierte Systeme ersetzt. Gleichzeitig ermöglicht die Automatisierung die Delegation von Tätigkeiten vom Anwalt an Paralegals. Schliesslich wird für kaufmännische Angestellte die Tätigkeit im Bereich des Marketings, vor allem auch im Rahmen von Social Media, an Bedeutung zunehmen. Umso wichtiger werden Weiterbildungen für kaufmännische Angestellte sein.

Insgesamt sieht Frau Dr. Essebier den Entwicklungen durch die Digitalisierung positiv entgegen. Sie ist der Meinung, dass Menschen vom Digitalen Wandel profitieren werden.

Frau Dr. med. Manuela Rabaglio: Interaktion zwischen Ärzt*innen und Patient*innen bleibt wichtig

Dr. med. Manuela Rabaglio |

Spitalfachärztin (Inselspital Bern), Fachärztin FMH für Innere Medizin und Onkologie. Klinische Spezialgebiete für Prävention und Risikoerfassung.

 

Frau Dr. med. Rabaglio ist der Ansicht, dass der Medizin durch die Digitalisierung heute mehr technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Zudem konnten viele Prozesse massiv beschleunigt werden. So sind heute Laborresultate viel schneller verfügbar: während bei genetischen Untersuchungen vor zehn Jahren die Resultate erst nach neun bis zwölf Monaten verfügbar waren, können diese heute bereits nach 72 Stunden ausgewertet werden.

Die Interaktion zwischen Mediziner*innen und Patient*innen ist zwar trotz Digitalisierung gleich geblieben, allerdings sind Patient*innen zum Beispiel durch Gesundheits-Apps besser informiert als früher. Dieser Entwicklung müssen heutige und zukünftige Ärzt*innen Rechnung tragen, indem sie diesbezüglich selbst auf dem Laufenden bleiben. Trotz Machine Learning und vielen digitalen Fortschritten in der Diagnostik bleibt ihrer Meinung nach die Kommunikation mit den Patient*innen weiterhin sehr wichtig. Der Mensch wird in dieser Tätigkeit nicht so schnell ersetzt werden.

Ärzt*innen müssen aber lernen, mit den neuen technologischen Möglichkeiten umzugehen, da auch sie darauf angewiesen sind. Grundkenntnisse genügen allerdings, da zur Not auch die IT-Abteilung kontaktiert werden kann.

Herr Henrique Säuberli: Es müssen nicht alle programmieren können

Henrique Säuberli |

Executive Briefing Consultant des IBM Client Centre Research mit Fokus auf Finanzdienstleistungen, Banken, Versicherungen und Finanzmärkte.

 

Herr Säuberli ist bezüglich IT-Jobs eine gemeinsame Sprache zwischen IT und Business wichtig, damit IT Produkte optimal und effizient auf die Kundenbedürfnisse eingehen können. Zudem ist heute der Druck auf die IT enorm gestiegen, so erwarten Kunden beispielsweise von Apps regelmässige Updates mit Verbesserungen und neuen Funktionen. Der Informatiker erwartet nicht, dass alle Hochschulabsolvent*innen programmieren lernen, denn auch das Programmieren selbst sei automatisierbar. Ein Grundverständnis für IT und Programmieren muss allerdings vorhanden sein.

Fazit: Upgraden, upgraden, upgraden

Von der Digitalisierung am meisten gefährdet sei laut Dr. Vaterlaus der kaufmännische Beruf, da die Tätigkeiten gut durch automatisierte Prozesse ersetzt werden können. Er ist der Ansicht, dass es in Zukunft nicht mehr reichen wird, eine Grundbildung zu absolvieren. Permanentes Lernen und somit die Kompetenz, stetig die eigenen Fähigkeiten «upzugraden», sich also weiterzubilden, sei unumgänglich. Das Bewusstsein muss geschaffen werden, dass nach einer Ausbildung das Lernen weitergeht. Zudem fügt der Ökonom an, dass uns die Arbeit wohl nicht ausgehen wird, nur weil Roboter viele Tätigkeiten übernehmen würden. Ein Ausbleiben von Weiterbildungen wird in Zukunft jedoch schneller zu Problemen führen. Zudem werden Jobs mit mittleren Qualifikationen vor Herausforderungen stehen. Insgesamt sei das schweizerische Bildungssystem jedoch sehr flexibel und geeignet, die zukünftigen Herausforderungen anzugehen.

Mitwirkende 

Organisation & Kontakt

reatch und Model United Nations Bern, workinprogress@reatch.ch

Dank an
  • Die Expert*innen dieser Podiumsdiskussion sowie an unseren Moderator, Dr. Matthias Stürmer.
  • Akademien der Wissenschaften Schweiz, Förderprogramm u-change
  • Universität Bern
  • reatch
  • MUN Bern
Text und Organisation
  • Lucas Kyriacou
  • Tanja Mitric
  • Timothy Rabozzi
Fotos

Annina Reusser